Die Macht des Geistes über die Materie

Die vielleicht älteste Fähigkeit des Menschen!
Seit Anbeginn der Welt hat sich der Mensch darum bemüht, die Materie dienlich und nützlich zu machen.

Dafür musste er nicht nur die Materie bearbeiten, sondern zuerst musste er die Materie denken. Es ist das alte Beispiel des Töpfers: Der Mann, der einen Krug machen will, denkt ihn, träumt und entwirft ihn und dann kämpft er mit der Materie, die meist Widerstand leistet. Die Materie hat eine Neigung, auf die Erde zu fallen und wieder Teil an dem zu werden, woraus sie entstanden ist.

Der Geist dagegen ist der Schmied der Form. Die Form ist nicht materiell, die Form ist mental.

Wenn ich ein Kreidestück zermahle, bekomme ich ein Pulver. Dieses hört nicht auf, Kreide zu sein. Was ist der Unterschied? Die Form ist verloren gegangen. Das heißt, die Form ist streng genommen nicht Materie, sie hat höhere und spirituellere Wurzeln.

Um das verstehen zu können, genügen nicht die westlichen Quellen. Wir kennen die Materie relativ gut, nicht aber den Geist, obwohl der Mensch gerade durch diesen gekennzeichnet ist. Im Sanskrit ist das Wort für "Mensch" dem Englischen sehr ähnlich, es ist man; und manú ist der archetypische Mensch. Maná ist die Macht, mit dem Geist Dinge zu formen. Und der Mensch besteht zu einem wesentlichen Teil aus einem Element, das Manas "der Geist" genannt wird. Für die östlichen Menschen ist der Geist eine Brücke oder ein verbindendes Element zwischen dem Spirituellen und dem Materiellen.

 

Was ist Geist? Was ist Materie?

Beides ist schwer auf rationale Weise zu definieren. Wo beginnt die Materie und wo hört sie auf? Wir dürfen uns nicht innerhalb der Grenzen der Vorstellungen des 19. Jahrhunderts bewegen, wonach Materie alles war, was gemessen und gewogen werden kann, weil dann bestimmte Gase und Formen von Energie keine Materie wären. Bis zu welchem Punkt können wir sagen, dass Materie tatsächlich materiell ist? Wenn wir Materie verstehen wollen, müssen wir sie untersuchen, beobachten, berühren ... Und wenn wir das Mentale erfassen wollen, müssen wir unseren Geist benutzen, unsere Fähigkeit, uns etwas bewusst zu machen.
Wenn in dem Raum, in dem wir uns befinden, plötzlich ein Knallkörper explodiert, wenden wir uns sofort dem zu, um zu sehen, was los ist. In diesem Moment hört das für uns auf zu existieren, mit dem wir uns davor beschäftigt haben. Es kehrt in unser Bewusstsein zurück, wenn wir dem wieder Aufmerksamkeit schenken.
Die Dinge existieren für uns in dem Maße, in dem wir sie uns bewusst machen. Das bedeutet, dass die Dinge für uns Realität werden, wenn wir sie denken können, sie uns mit unserem Denken aneignen.



Der Geist, obwohl er nicht definiert werden kann, ist ein Instrument der Bewusstmachung - ausgeschmückt durch Vorstellung und Fantasie.
Alles, was uns in der Vergangenheit passiert ist, wird für uns wieder lebendig, wenn wir daran denken, und wir erleben noch einmal die schlimme Nacht, in der ein Verwandter oder ein Freund starb. Der Geist ist es, der uns - wie ein fliegender Teppich - von einem Ort zum anderen bringt, der uns mit Ideen, Dingen und Menschen in Kontakt bringt - je nachdem, wohin wir unseren Geist richten.

Der Geist (oder Manas) hat Anteil an einem spirituellen Teil (arupa) und an einem materiellen (rupa) Teil. In arûpa machen wir unseren Geist im Bedingungslosen fest und uns berührt all das, was Bedingungen unterworfen ist, nicht oder nur sehr peripher. In rupa ist der Geist an die Dinge der Materie gefesselt und alles berührt uns in hohem Maße. Denken wir zum Beispiel an eine Säule aus Gips. Sie hat einen sehr geringen Wert, aber wenn diese Säule an Erinnerungen aus meiner Kindheit geknüpft ist, dann werde ich, in dem Moment, in dem die Säule zerbricht, in gewisser Weise auch zerbrechen, weil ich mich durch meinen Geist mit ihr verbunden habe. Daher ist das Beherrschen des Geistes von grundlegender Bedeutung und ohne dieses kann es keine Beherrschung der Materie geben.

 

Das "Wunder" der Beherrschung der Materie

Gewöhnliche Phänomene hierzu beobachten wir jeden Tag. Immer wenn wir etwas tun wollen, stellen wir es uns zunächst vor, wir denken es und dann formen wir es wie in dem Beispiel von dem Töpfer. Im außergewöhnlichen Bereich bezeichnen wir die Beherrschung der Materie als parapsychologisch oder gar als Wunder. In welchem Grad ist das real? Eine Lampe, die vor 4000 Jahren in Babylonien ohne Rauch gebrannt hätte, wäre als Wunder angesehen worden. Einen Wagen ohne Pferde davor, der über eine Straße fährt, hätte man als Wunder angesehen.



Unsere Vorstellung von Wundern ist begrenzt durch unsere eigene Fähigkeit, physikalische Phänomene zu verstehen. Ein Mensch, der nicht weiß, wie der Donner entsteht, der die Entladungen von Elektrizität zwischen den Wolken am Himmel nicht kennt, mag glauben, dass diese Erscheinung ein magisches, göttliches Phänomen ist. Für den Menschen, der die entsprechenden wissenschaftlichen Grundlagen dazu kennt, verliert es die göttliche Bedeutung. Es wird ein materielles Phänomen, eine simple physikalische Tatsache.

Auf diese Weise ist der Materialismus, der heute herrscht, auf eine falsche Verallgemeinerung zurückzuführen. Wir haben so viele Dinge physikalisch erklärt, dass wir daraus den Schluss ziehen: "Alles ist Materie." Es gibt sogar einige Denker, die sagen, dass der Geist eine Art Sekret des Gehirns ist. Unsere materialistische Auffassung hat dazu geführt, allen Dingen eine materielle Färbung zu geben, und selbst die Dinge, die nicht Materie sind, werden als materielle Elemente angesehen.

Kann man nun durch die Kraft des Willens einen Löffel verbiegen?  Persönlich weiß ich, dass es möglich ist. Aber wie kann man so etwas erklären? Der Geist beherrscht Energie; mit Hitze könnten wir Metall verbiegen. Heute wissen wir, dass die hertzschen Wellen Wände durchdringen, um zu unseren Radiogeräten zu gelangen. Wir wissen, dass es unüberwindliche Hindernisse für Materie gibt, die aber Energie nicht aufhalten können. Wenn wir mittels unserer Stimmbänder sprechen, setzen wir Luft in Schwingung und nehmen Kontakt zu unserem Gesprächspartner auf. Damit praktizieren wir eine Art Telepathie, weil wir über eine Entfernung hinweg miteinander kommunizieren. Wir verwenden das Medium der Luft. Wenn die Luft nicht existieren würde oder wir stumm wären, würde Kommunikation nicht funktionieren. Mitunter können wir auch einen anderen Menschen mit unseren Gedanken erreichen. Und wie viele haben nicht schon oft die Erfahrung gemacht, die Gedanken ihres Gegenübers zu lesen und zu wissen, was er denkt?


Es ist mehr als ein wissenschaftlicher Beweis, es ist ein persönlicher, greifbarer und objektiver Beweis für die Existenz einer mentalen Welt, einer Dimension, in der der Geist sich bewegt. Denn wenn wir gemäß der östlichen Philosophie davon ausgehen, dass wir, außer einem physischen Körper, einen energetischen, einen psychischen und einen mentalen Körper haben, dann wird jeder dieser Körper sich in seiner Dimension bewegen. Ich bewege mich physisch in der physischen Dimension, aber mental bewegen wir uns in einer mentalen Dimension.

 

Die mentale Welt

Unsere mentale Welt ist der physischen sehr ähnlich, denn letztere ist ihr Spiegelbild. Weil wir vom Materialismus geblendet sind, ist es uns meist nicht bewusst, dass wir die mentale Welt auf dieselbe Art pflegen müssen wie die physische Welt. Denn wir alle putzen uns die Zähne, wir alle kämmen uns, wir ziehen uns etwas Sauberes an ... Aber wer macht das mit seinem Geist? Wer widmet am Morgen als Erstes seinem Geist seine Aufmerksamkeit? Das ist etwas für alte Großmütter, die Gebete sprachen, die den Rosenkranz beteten, eben für Leute von früher.

Das ist allerdings fatal für uns, weil wir dadurch den Geist vernachlässigen und schwächen. Wir wissen, dass Training Muskelkraft verleiht. In derselben Art und Weise werden wir uns fragen: Womit ernähren wir den Geist? Er ernährt sich von Ideen. Wenn er nur schlechte und kleine Häppchen bekommt, dann kann er sich kaum auf den Beinen halten; wenn wir aber den Geist jeden Tag gut nähren und pflegen, wenn er krank ist, dann hätte er eine andere Widerstandsfähigkeit, eine andere Kraft und ganz andere Möglichkeiten.

 

Eine Parabel von Buddha

Siddhartha Gautama, der Buddha, hatte in jungen Jahren einen Meister, der alle möglichen Wunder vollbrachte. Doch er trennte sich von diesem, um sein Leben in Heiligkeit anzutreten ... Eines Tages traf sich Buddha wieder mit alten Freunden. Sie sagten zu ihm: "Siddhartha, warum bist du nicht bei jenem alten Meister geblieben? Wenn du bei ihm geblieben wärst, könntest du jetzt die Wasser des Ganges zu Fuß überqueren." Siddhartha Gautama sagte: "Warum sollte ich das tun, wo es doch eine Fähre gibt?"

Was gewinnt man, wenn man über das Wasser geht, seitdem es Boote gibt? Nichts! Damit kann man beweisen, dass der Geist die Materie besiegt.

Aber auch das Boot beweist, dass der Geist die Materie beherrscht. Der Geist in den Menschen hat es geschaffen.
Die Macht des Geistes über die Materie soll nicht Wunder vollbringen, sondern etwas ganz anderes verwirklichen: uns selbst zu leiten, um uns nicht von unseren Leidenschaften mitreißen zu lassen, um nicht unsere Krankheiten zu bejammern, um das, was wir tun wollen, durchzuführen. Um das, was wir lesen, in Erinnerung zu behalten, um uns an die guten Freunde zu erinnern, um zu wagen, einen Schritt vorwärts zu machen. Das ist die wahre Macht des Geistes über die Materie.

Es ist offensichtlich, dass die Materie sich mit ihrer Trägheit verteidigt. Wer einmal ein Auto bei einer Panne angeschoben hat, weiß, dass es sich kaum bewegt, wenn man anfängt zu schieben. Dann, schon ein wenig bewegt, geht es leichter.
Um also mit dem Geist die Materie zu beherrschen, müssen wir als Erstes zwei grundlegende Listen erstellen: "Was gefällt mir?" und  "Was gefällt mir nicht?" Und jeden Tag versuchen, nicht nur das Angenehme zu tun, sondern auch etwas von dem, was mir nicht gefällt, und wenn es nur eine kleine Sache ist. Wenn ich in mir übermäßigen Appetit überwinden möchte, kann ich das nicht von einem Tag auf den anderen tun. Ich muss versuchen, anstatt zehn belegte Brötchen nur neun am Tag zu essen, und am nächsten acht ...
Die Materie ist sehr intelligent. Sie weiß, was sie will, wohin sie geht, woher sie kommt. Sie hat ihre eigene Intelligenz. Daher müssen wir unseren Geist sehr klar ausrichten.

 

Die Ideen

Alles hängt davon ab, wohin wir den Geist ausrichten. Entscheidend ist, den Geist zu lenken. Wie werden Ideen geboren?

Ganz einfach. Aus zwei Ideen wird eine dritte geboren. Wenn die Ideen negativ sind, verbindet sich eine negative mit einer anderen negativen Idee und sie bilden eine Familie von negativen Ideen. Also müssen wir versuchen, diesen Prozess in uns selbst zu kontrollieren, unsere Vorstellung zu beherrschen, damit sie nicht zu einer Fantasie wird wie ein verrückt gewordener Tintenfisch, der uns mit sich zieht.
Wie kann man das, was einem Menschen und seiner Seele eigen ist, von dem unterscheiden, was ihr von außen aufgesetzt wurde? Ganz einfach. Was zur Seele gehört, ist das, was lange andauert. Was nicht lange andauert, gehört nicht zur Seele. Wie kann man wissen, ob eine Sache eine Laune ist oder ob wir wirklich die Notwendigkeit haben, es zu tun? Zum Beispiel: Wir wollen Geige spielen lernen. Ganz einfach. Sechs Monate warten. Nicht aus Leidenschaft gleich los rennen, Geige kaufen und nach drei Tagen sagen: "Ah, ich kann's nicht!"
Nein, abwarten. Wenn man nach sechs Monaten oder einem Jahr noch Geige spielen will, ist es etwas Tieferes, ist es nicht oberflächlich. Das sind praktische Methoden für die Beherrschung des Geistes und der Materie.

In der buddhistischen Lehre gibt es eine Parabel. Sie erzählt, dass einmal ein Affe auf einem Baum saß und dieser arme Affe großen Hunger hatte.

Er sagte: "Wo gibt es eine gute Banane?" Auf dem großen Bananenbaum nahm er eine Frucht, um sie zu essen, aber dahinter war eine größere; er ließ sie fallen; er wollte die andere nehmen und sah, dass daneben eine noch bessere war. Angeblich ist dieser Affe vor Hunger gestorben.
Was ist als Erstes zu tun, um die Macht des Geistes über die Materie kennenzulernen? Etwas Kontinuierliches tun, etwas tun, das ein Ziel hat. Nicht tausend Sachen anfangen und keine zu Ende bringen. Versuchen zu verstehen, dass das ganze Universum irgendwo hingeht. Wir können uns fragen: Warum wandern die Sterne? Warum wandern Bataillone von Ameisen? Ich weiß, dass es dafür tausend intellektuelle Erklärungen gibt. Aber warum? Woher kommt in allen Dingen dieser Drang zu überleben? Warum dieser Lebenswille der Sterne, der Ameisen, der Menschen?

Weil das ganze Universum sich irgendwo hinbewegt. Weil sogar jede Idee wie ein lebendiges Wesen ist, das nicht nur versucht zu leben, sondern das versucht, zu überleben und sich fortzupflanzen. Daher brauchen wir vor allem reine, gesunde und starke Ideen.
Wenn wir uns mit Ideen belasten, die uns permanent von Kämpfen, Gewalt und Zerstörung erzählen, von all dem Bösen und dem Bitteren der Welt, dann werden wir logischerweise bitter und schwach. Aber wenn wir darauf achten, uns mental gut zu ernähren, wenn wir Übungen für die Konzentration und Ausrichtung des Geistes machen, dann wird unser Geist die Materie beherrschen lernen.

Die große Gefahr für uns denkende Menschen liegt im Materialismus: der Materialismus, der uns alle Dinge als bloße Materie sehen lässt, der den Symbolen ihren transzendentalen und tiefen Sinn entzieht, ebenso wie den Helden, den Heiligen, denen, die in irgendeiner Weise Spuren in der Geschichte hinterlassen und der Menschheit geholfen haben. Das Einzige, was wir mit diesen Prozessen der Entmystifizierung erreichen, ist die Schwächung unserer mentalen Fähigkeiten. Wir müssen unsere mentale Welt rein und unverseucht erhalten, mehr noch als unsere physische Welt. Indem wir zum Beispiel gute Dichter lesen, Dichter, die die Natur besingen, die Liebe, die Sonne, den Mond. Nicht Dichter, die ewig den Kampf besingen, den Tod, das Blut, das überallhin spritzt, sondern die Dichter, die versuchen, sich über all das zu erheben. Beachten wir dies, auch wenn wir ins Kino gehen. Was lesen wir in den Zeitungen, kaum dass wir sie aufschlagen? "Großes Unglück in dieser oder jener Gegend". "Große Terrorismuswelle". "Hinz hat Kunz umgebracht". "Überflutung, Menschen ertrunken".
Ah, richtig, wir müssen informiert sein. Ja, aber trotzdem - oder gerade deswegen - bessere Lektüre, positive Bücher lesen, Bücher, die uns helfen.



Es ist viel positiver, das Leben eines Heiligen zu lesen. Man wird mir sagen, dass es zum Teil erlogen ist; gut, dann träume ich eben, dass es die Wahrheit ist. Das andere wird auch großenteils erlogen sein, und Lüge hin, Lüge her, ich ziehe eine positive Lüge vor. Und wenn wir die Wahrheit suchen, nun, dann sollten wir etwas über Wissenschaft oder Literatur oder Kunst lesen ...

Zusammenfassend und zum Abschluss, um diese Führung des Geistes über die Materie zu erreichen, müssen wir uns selbst kennenlernen: Was haben wir Schlechtes, was haben wir Gutes in uns? Welche Umstände wirken in uns? Das ist es, was unseren Geist kräftigt.  
Möge jeder von uns seinen inneren Berg finden und nicht nur seinen inneren Berg, sondern jenen Pass, der sich bis zum Gipfel erhebt. Möge jeder von uns auch die Einsamkeit kennenlernen, ein bisschen von der inneren Kälte: einer spirituellen Einsamkeit und Kälte, die uns so sehr fehlt, fiebrig, wie wir sind, auf diesem Marsch durch die Welt. Wir alle haben Probleme, wir alle haben Ängste, wir alle haben gewisse Gefühle, die uns bedrücken. Aber wir brauchen ein bisschen Frieden, ein bisschen Ruhe. Wir brauchen nicht ein bisschen, sondern viel an Glauben. Glaube an Gott! Glaube an uns selbst! Glaube daran, dass es noch etwas mehr gibt als diese fleischliche Welt!

 

Anmerkung:
Dieser Artikel ist eine gekürzte Version eines Vortrags von Jorge Angel Livraga aus dem Jahr 1975 in Madrid, Spanien. Er war der Gründer der Schule der Philosophie: Neue Akropolis. Heute gibt es in 60 Ländern der Welt insgesamt über 450 Schulen, in denen Kultur, Philosophie und Volunteering gelehrt und praktiziert werden.