Jeder Mensch ist ein Künstler

Auch Du bist ein Künstler!

Gestern hab ich sie wieder hervorgeholt, meine Rosenholzblockflöte. Natürlich musiziere ich nicht perfekt, meine Finger sind langsam und meine Zunge schwerfällig. Ich blättere die Noten durch, spiele dieses und jenes Stück, dann fallen mir Stücke ein, die ich vor Jahren auswendig konnte ... Ich lasse mich von den Melodien tragen, öffne meine Seele und bin ganz im Sein. Als ich die Flöte später weglege, bin ich beschwingt und voller Freude ...


Und denke an einen Vortrag, den ich vor Kurzem gehört hatte - über die "Entzauberung der Welt". Eine Ursache besteht darin, dass die Kunst an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde. Bis ins 19. Jahrhundert war es allgemein üblich, selbst künstlerisch tätig zu sein. Mit der Erfindung des Grammofons und anderer Tonträger konnte Musik jederzeit und von jedermann reproduziert werden. Das Virtuosentum kam auf, große Künstler werden wie Stars gefeiert. Der musische Laie überlässt die Kunstausübung den Genies, bewundert und beklatscht sie und ist nun passiver Kunst-Konsument. Heute ist jemand "kulturell", wenn er ins Theater, in die Oper oder in Museen geht und Kunst auf sich wirken lässt.
Im Wiener "Haus der Musik" sind einige Räume großen Komponisten und dem kulturellen Leben ihrer Zeit gewidmet. Abgebildet war auch eine "Schubertiade" - ein Hauskonzert, bei dem Schubert sein Werk zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte - ganz im Zeichen der "Salonkultur". Vom 18. bis zum 20. Jh. finden wir in ganz Europa, in Russland, aber auch in den USA musikalisch-literarische Salons. Dies waren private gesellschaftliche Treffen, bei denen man im Haus einer Dame, der "Salonnière", zusammenkam. Es gab literarische, musikalische, aber auch politische und wissenschaftliche Salons. Man kam nicht nur als Zuhörer oder Zuschauer, sondern auch, um selbst einen künstlerischen oder literarischen Beitrag zu leisten, etwas zu geben.
In den Familien pflegte man "Hausmusik" in kleinen Besetzungen, deshalb auch "Kammermusik" genannt. Höhere Töchter erhielten Klavier- und Gesangsunterricht. Aber auch am Land wurde die Kunst gepflegt: Nach getaner Arbeit setzte man sich zusammen und sang oder musizierte. In den "Spinnstuben" (im Winter der einzige geheizte Raum des Hauses) kamen Dörfler aus verschiedenen Höfen zusammen, zum gemeinsamen Arbeiten, Märchen erzählen und Singen. Bei allen religiös-bäuerlichen Festen wurde gemeinschaftlich getanzt und gesungen.


Musische Tätigkeiten waren ein selbstverständlicher Teil des Lebens - auch das (Kunst)Handwerk wie Schreinern, Sticken, Nähen, Klöppeln usw. zähle ich dazu. Der Mensch war in vielen Bereichen schöpferisch und kreativ tätig.
Heute verbringen die meisten Menschen ihren "Feierabend" vor dem Fernseher oder dem Computer. Sie lassen sich unterhalten oder bewegen sich in virtuellen Welten. Das "kulturelle" Leben beschränkt sich auf Musikhören, Kino-, Konzert- oder Theaterbesuche. Gesungen wird nur noch zu Geburtstagen oder in der Adventzeit. Ist das moderne Leben tatsächlich eine Bereicherung oder lässt er uns nicht eher verarmen ...?

4 gute Gründe, um selbst ein Künstler zu sein:

  1. Kunst macht uns besser
    Die Idee des Schönen ist lt. Platon der am leichtesten für uns Menschen wahrnehmbare Archetyp. Durch die Schönheit in der Natur oder eines Kunstwerks werden unsere höheren Gefühle geweckt. Das Schöne steht in enger Verbindung mit den anderen Archetypen: dem Guten, dem Wahren und dem Gerechten. Der Kontakt mit dem Schönen aktiviert die subtilsten Aspekte der Psyche. Umso mehr, wenn wir selbst künstlerisch tätig sind und so Schönheit als metaphysisches Gutkreieren. Unser Charakter wird verfeinert und veredelt und ebenso unsere Umgebung.

  2. Kunst vergeistigt uns
    Hegel spricht vom "Naturschönen" und "Kunstschönen" und verleiht zweiterem eine höhere Bedeutung. "Denn die Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit." Wer selbst künstlerisch tätig ist, egal ob er singt, tanzt, ein Bild malt oder eine Skulptur erschafft, verwirklicht eine Idee, eine geistige Vorstellung in der sinnlich wahrnehmbaren Ebene. Das Schöne ist lt. Hegel "das sinnliche Scheinen der Idee". Im Gegensatz zum Tier ist es dem Menschen möglich, einer geistigen Realität eine materielle Gestalt zu verleihen - eine zutiefst sinnstiftende Erfahrung.
  3. Kunst macht uns ganz
    Schiller hebt in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" die Bedeutung des Spiels hervor. Es ist die Möglichkeit, die sinnlich-emotionale und die geistig-rationale Seite des Menschen zu vereinen. "Das Spiel und nur das Spiel ist es, was ihn (den Menschen) vollständig macht und seine doppelte Natur auf einmal entfaltet (...). Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

    In der deutschen Sprache ist das wunderschön ausgedrückt, wenn wir sagen: "Ich spiele ein Instrument". Durch das Spiel sind wir ganz im Hier und Jetzt und geben uns der göttlichen Muße hin.

  4. Kunst ist "Gottesdienst"
    Nicht zu vergessen ist der spirituelle Aspekt. Jegliche Kunst hat ihren Ursprung im Sakralen. Denken Sie nur an die Höhlenmalereien von Altamira, Fruchtbarkeitsidole, aber auch Maskentänze und Hymnen. All diese Werke entstanden als eine Art Gebet, um eine höhere Macht anzurufen oder zu ehren.

Was bedeutet das jetzt konkret?

  1. Singen Sie, wann immer Sie können. Alleine in der Dusche, auf dem Fahrrad, im Auto, mit Freunden am Lagerfeuer oder beim geselligen Beisammensein. Es ist ein Wundermittel gegen schlechte Laune, Angst, Stress oder depressive Verstimmungen.

  2. Wenn Sie mal ein Instrument gespielt haben: Holen Sie es wieder hervor oder setzen Sie sich ans Klavier. Egal, wie gut Sie sind. Es geht nicht um das Ergebnis, sondern um das Spielen.

  3. Machen Sie etwas selbst. Egal, ob Sie einen Kuchen backen, ein leckeres Gericht zubereiten, einen Schal häkeln, Socken stricken oder Ostereier bemalen. Etwas selbst "machen" verleiht "Macht" und macht glücklich.

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 148, April 2017 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Gudrun Gutdeutsch