Acht Gründe, um mit Musik zu leben

Besitzen wir die Möglichkeit, ohne Musik zu leben? Musik ist allgegenwärtig, sie bildet eine "Atmosphäre", die wir ständig "einatmen" und die uns ständig beeinflusst. Die eigentliche Frage lautet wohl eher: Sind wir uns der Musik bewusst oder nicht? Sind wir passive oder aktive Hörer? Wählen wir die Musik aus, die wir wollen, oder sind es die äußeren Umstände, die "für uns auswählen"?

Musikstilrichtungen und Vorlieben

Wenn wir passive und unbewusste Hörer sind, wählt die Mode oder die Umgebung für uns aus; dann sind es die äußeren Umstände, die unsere Identität prägen. Wenn wir aktive und bewusste Hörer sind, definieren wir uns selbst, denn Musikauswahl hat immer mit Identität zu tun.
Machen wir einen Test mit verschiedenen Musikstilrichtungen! Hören wir diese vorbehaltlos an, unabhängig von vorgeprägten Vorlieben und Abneigungen. Bewerten wir dann unsere Identifizierung mit ihr, wie sehr uns die eine oder andere Musik gefällt, wie viel Zeit wir mit der einen oder anderen Musik verbringen. Wir könnten beispielsweise neun verschiedene Stile auswählen: Rock, Filmmusik, Klassik, Pop, Heavy Metal, Folk, Liedermacher, keltische Musik und Jazz. Es ist klar, dass wir hier nicht alle Stilrichtungen auflisten können, aber diese Auflistung stellt vielleicht eine repräsentative Auswahl dar. - Nachdem wir uns nun diese Stilrichtungen angehört haben: Welche bekommt die meisten Punkte? Und eine andere Frage: Fällt diese Auswahl mit jenem Stil zusammen, mit dem wir uns vorher schon identifizierten?

Musik als Identitätssymbol

Musik als Identitätssymbol ist so alt wie der Mensch selbst. Auswanderergruppen bedienten sich ihrer, um ihren Lebensstil und ihre Traditionen zu bewahren. Musik solidarisiert Generationen: In den 60er Jahren beispielsweise, in der Zeit des Rock and Roll, bildete sich ein Wertesystem aus, welches dem der damaligen Elterngeneration entgegengesetzt war. Und dieses Phänomen finden wir heutzutage genauso: Wenn du dich für eine bestimmte Musikrichtung entscheidest, die du gerne hörst, dann sagst du damit aus, wer du bist oder wer du sein willst.
In den USA entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Blues als Ausdruck einer unterdrückten Menschengruppe, die "Musik aus der Seele" sang ("Soul"). Ihre Verbreitung und Entwicklung führte in den 50er Jahren zu einem großen Marktangebot der Schallplattenfirmen, aber es gab da eine "Unannehmlichkeit": Sie wurde nämlich von Farbigen gesungen ... Und so entwickelten sich die "Covers", jene weißen Musiker, die die Musik der Farbigen nachahmten. Aber sie spielten nicht ihre eigene, sondern "fremde" Musik, nämlich die der Farbigen, und zwar aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Eine unmittelbare Gegenreaktion dazu war die Rockmusik, denn die weißen Musiker (wie zum Beispiel der großartige Musiker Elvis Presley) wollten nicht mehr "fremde" Musik interpretieren, sondern etwas "Eigenes" machen - eine Musik, die von ihnen selbst geschrieben und gesungen wurde. Damit befriedigten sie nicht in erster Linie die Bedürfnisse eines Marktes, der nur an Popmusik interessiert war: Sie waren keine Marionetten der Geschäftswelt, die die Musik anderer spielten, um den Geschmack der Masse zufriedenzustellen.

Der Musiker - ein Schöpfer

Der Musiker sollte also schöpferisch und nicht nur reproduzierend tätig sein: Der schöpferische Aspekt des Musikers wurde höher bewertet als der nachahmende Aspekt. Dazu gesellte sich die Idee, mit der Musik eine Weltsicht weiterzugeben, unabhängig davon, ob dies dem Publikum gefällt oder nicht.
Auf diesen fahrenden Zug sprangen in den 70er Jahren Schallplattenfirmen klassischer Musik auf, und diese erlebten einen noch nie dagewesenen Boom. Hier war der Musiker ein Künstler mit hervorragender Technik, aber vor allem mit einer persönlichen Vision, mit der sein Produzent, also sein "Label", seine Interpretation verkaufte - eine Interpretation, die sich von anderen deutlich abheben musste. Der Interpret wurde zum Star wie in der Popmusik. Man verkaufte also nicht einen "reproduzierenden" Künstler, sondern einen "Schöpfer", und so bot man dem verwöhnten und oberflächlichen Publikum das dar, was es verlangte: etwas "Eigenes" ... Auf damaligen Schallplattenhüllen und heutigen CD-Hüllen können wir sehen, wie der Pianist X Beethoven interpretiert, wobei Bild und Name des Interpreten größer dargestellt wird als Bild und Name des Komponisten.

Dies zeigt auf, wie wir mit Musik und den "Gedankenformen hinter ihr" vernetzt sind. Wir leben mit Musik, die uns repräsentiert. Wir identifizieren uns mit Musikstilen, die eine bestimmte Art und Weise darstellen, das Leben zu sehen, und die ein Wertesystem beinhalten. Und wie entsteht dieses Wertesystem? Entweder passiv durch die "musikalische Atmosphäre", in der wir leben, durch Erziehung, durch Modeströmungen ... oder aktiv durch bewusste Auswahl.
Eine der wichtigsten Wirkungen von Musik besteht darin, dass sie in uns latent vorhandene Fähigkeiten freilegt, um eine individuelle und kollektive Identität herzustellen: Ein Rock-, Funk- oder Rap-Konzert hat eine solche Macht, dass es eine echte "Gesinnungsgemeinschaft" prägt, genauso wie ein Konzert im Wiener Musikvereinssaal, in der Berliner Philharmonie oder der Metropolitan Opera in New York ...

Und so, lieber Leser, schlage ich dir acht Gründe vor, um dich an die Musik anzunähern, um mit Musik zu leben:

1. Fühle und erlebe!

Musik legt unsere Leidenschaften und das Menschlichste in uns frei: unsere "höheren Gefühle". Musik ermöglicht uns, etwas zu erleben, das wir noch nie erlebt haben: Wir können Leidenschaft oder Schmerz in einer Darstellung so intensiv miterleben, dass wir etwas über Schmerz oder Leidenschaft an sich erfahren, jenseits persönlicher und subjektiver Erlebnisse. Mit anderen Worten: Das Musikerlebnis lehrt uns etwas Allgemeines, das wir in unserem eigenen persönlichen Leben schon erlebt haben oder noch erleben werden.

2. Höre zu!

Musik - als unabhängiges Phänomen - vermittelt, sie ist Kommunikation. Sie ist wie ein Brief in einem Umschlag, denn sie vermittelt unseren Mitmenschen Gefühle, Bilder, Träume, Ideale. Musik ist ein gewaltiger Kommunikator: Sie macht uns Aspekte bewusst, die sonst verborgen bleiben würden. Sie dringt in den Zuhörer ein und bewegt ihn ... Und das Erstaunlichste ist: Es ist egal, wo und wann dies stattfindet. Musik hat etwas Universelles an sich.

3. Schaffe Werte!

Musik schafft einen Lebensstil, sie schafft Werte und eine Art und Weise, das Leben zu verstehen. Für viele Menschen stellt die Musik einen Teil ihres Wertesystems dar. Musik ist ein Zeichen der Identität: "So bin ich".

4. Erwecke deine Fähigkeiten!

Musik erzieht, verwandelt, transformiert uns selbst, sei dies auf aktive oder auf passive Weise. Sie weckt schlummernde Fähigkeiten bzw. Fähigkeiten, von denen wir dachten, dass wir sie nicht besäßen. Jede musikalische Erziehung kanalisiert die Fähigkeit der Musik, "herauszuziehen" (lateinisch "e-ducatio", "Herausziehung"), nämlich die psychischen, mentalen und kreativen Potenziale in uns ans Tageslicht zu bringen. Musik verbindet sich mit dem Menschen, da sie die Natur widerspiegelt (von der der Mensch ein Teil ist). Sie kann Teilaspekte unserer Persönlichkeit verwandeln und lenken (Gefühl, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Herzschlag usw.).

5. Verwandle dich und die Welt!

Musik verwandelt und transformiert nicht nur uns selbst, sondern auch die Welt. Ein freier Mensch befreit andere Menschen; ebenso steckt ein Musikverliebter andere Menschen mit seiner Liebe zur Musik an. Dies beeinflusst die Gesellschaft und verwandelt sie - vielleicht nicht unmittelbar, aber da die Musik über Raum und Zeit hinausgeht, beugt sich die Zukunft vor ihren Auswirkungen. - Für viele Menschen ist Beethoven ein Vorbild von "Eigenem" in der Musik, denn Beethoven stand nicht im Dienst irgendwelcher Geschäftsleute: Er wollte frei sein und einfach jene Musik zu Papier bringen, die aus seinem Inneren strömte, und nicht irgendeine beliebige Musik, nach der andere verlangten. Diese Idee widerspiegelte sich, wie wir schon sahen, in den 60er Jahren, als diese Haltung ein Symbol der Authentizität und Unabhängigkeit darstellte.

6. Sei kreativ!

Musik weckt unsere Kreativität. In jedem Menschen wurzelt die Fähigkeit, kreativ zu sein - diese schöpferische Fähigkeit macht uns "menschlich". Wir besitzen die Möglichkeit, Ideen, Gedanken und Gefühle auszudrücken und zu kanalisieren: alles Dinge, die aus bestimmten Regionen unseres "höheren Bewusstseins" stammen.

7. Baue Brücken!

Musik macht uns zu Interpreten. Sie erlaubt uns zu vermitteln, als Brücke zu dienen, zu kommunizieren; durch sie werden wir zu Rezeptoren und Transmissoren.

8. Lerne zu lauschen!

Musik lehrt uns zu lauschen. In unserer Welt schätzen wir jene Menschen, die anderen zuhören können ... und der erste Schritt, um Musik wirklich bewusst zu erleben, besteht darin, sie schätzen und verstehen zu lernen - indem wir bewusst in sie hineinlauschen.

Hast du ausgewählt? Erwähle deine tägliche musikalische Begleiterin! Sie wird dir helfen, wenn du zweifelst; sie wird dich beruhigen und aufheitern, wenn du dich aufregst, in Stress gerätst und so das "rechte Maß" verlierst.
Es gibt immer einen Grund, um mit Musik zu leben.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 113, Jali 2008 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Sebastián Pérez
Sebastián Pérez, Leiter des Instituts für Musik, Tanz und Theater TRISTAN in Spanien, ist Musikschullehrer in Roquetas de Mar und in vielen Ländern ein gefragter Seminarleiter für Body-Percussion. www.tristan-instituto.es