Bericht der "Unabhängigen Beobachtungsstelle für Sektenfragen" über Neue Akropolis

Übersetzung eines Berichtes über Neue Akropolis von Claire-Lise Hoehn von der schweizerischen „Hilfsorganisation für Sektenopfer – Unabhängige Beobachtungsstelle für spirituelle Bewegungen"

 

Hilfsorganisation für Sektenopfer
Unabhängige Beobachtungsstelle
für spirituelle Bewegungen

Lausanne, 19. September 2001

Betreff: Bericht von der Untersuchung von Neue Akropolis

Sehr geehrte Herren,

In meiner Rolle als unabhängige Beobachterin von spirituellen Bewegungen und Helfende für Sektenopfer übermittle ich Ihnen meine konkreten Beobachtungen bzgl. der Organisation Neue Akropolis in Lausanne.

Über mehr als 1 Jahr (14 Monate) besuchte ich, unter einer anderen Identität und ohne Unterbrechung, die von der Neue Akropolis Lausanne abgehaltenen Philosophie-Kurse, um diese Organisation zu erforschen.

Wir waren ca. 30 Personen, alle sehr unterschiedlich: AHV-Bezüger, Studenten, Hausfrauen, Sozialarbeiter, Kaderleute, Selbständige etc., auch politisch sehr unterschiedlich, von links, Mitte und von rechts. Ich habe keine Extremisten getroffen.
Die Kurse waren fesselnd, sind unvoreingenommen und von großer Neutralität, Toleranz und Weisheit. Kein Bekehrungseifer hin zu einer Religion oder Ideologie. Die Lehrer waren von einer beispielhaften Neutralität, die Kurse sehr interessant und, obwohl dies anfangs nicht vorhersehbar war, brachten sie mir eine erweiterte Sicht Dank des vergleichenden Studiums der alten Philosophien.

Das Geld:
Die Kosten des Kurses sind mehr als korrekt: 14 Kursabende zu 1½ Stunden für 270 Schweizer Franken (Studenten, Arbeitslose, Rentner: 180 Schweizer Franken), exklusive Kaffeepausen. Abgesehen von diesen Einschreibekosten wurde ich nie darüber hinaus um Geld gebeten. Alle aktiven Mitglieder wie auch die Verantwortlichen sind ehrenamtlich tätig.

Ich konnte diverse Sammlungen von Kleidung und Lebensmitteln für Hilfsbedürftige beobachten und nahm an verschiedenen Kampagnen gegen Rassismus und an Vorträgen und Straßenaktivitäten zu diesem Thema teil.

Es scheint, dass die Prinzipien ihrer Gründungscharta wirklich respektiert werden, wie ich selbst feststellen konnte.

Ich bin über viele Jahre selbst eine der Hauptanklägerinnen von Neue Akropolis im Kanton und in der Schweiz gewesen, überzeugt von der Richtigkeit meiner Informationen, auf die sich alle Antisektengruppen wie auch Presse-Redaktionen bezogen. Mein Ehrensinn zwang mich jedoch, diese Gruppe zu infiltrieren, um die von mir gestützten Anschuldigungen zu verifizieren. Bezüglich der Hauptvorwürfe konnte ich feststellen:

  • Gruppe der extremen Rechten
    Der Ursprung dieser Definition sind Auszüge aus dem „Handbuch des Führers“, in der Tat extremistisch.
    Gemäss der Verantwortlichen sind diese Texte „keine offiziellen Dokumente und widerspiegeln nicht die Prinzipien der Organisation“.
    Was mich betrifft, wurde während mehr als einem Jahr Untersuchung keinerlei Anspielung auf diesen Text gemacht. In den Kursen, Versammlungen und Diskussionen, an denen ich teilnahm, waren die diskutierten Ideen eher im Widerspruch zu dem, was man in diesen berühmten Texten lesen kann.
    Die entwickelten Ideen sind der Ideologie der extremen Rechten radikal entgegengesetzt.
  • Sehr hierarchisch
    Ein Direktor und ein Komitee versammeln sich, oft mit einfachen Mitgliedern, um Entscheidungen zu treffen, gleich wie in jeder anderen Organisation, Klub oder Stiftung. Jedenfalls überhaupt nichts, was auf eine paramilitärische Gruppe hinweisen könnte.
  • Antidemokratisch
    Auch wenn es wahr ist, dass Neue Akropolis in einigen Kursen über die Schwächen der Demokratie spricht, scheint sie mir keineswegs antidemokratisch zu sein. Im Gegenteil, sie glauben, dass die Demokratie eine wichtige Errungenschaft ist, die Mittel entwickeln sollte, insbesondere erziehend und präventiv, um nicht neuerlich zu einem Sprungbrett für den Totalitarismus zu werden.
  • Esoterik = Faschismus
    Die Esoterik hat die extreme Rechte (Faschismus) sehr interessiert. Somit wird abgeleitet, dass wenn sich Neue Akropolis für Esoterik interessiert, sie ins Lager der extremen Rechten gehört.
    Ich glaube, dass dieser Punkt sehr oft missbraucht wurde. In allen Kulturen, die Neue Akropolis in ihren Kursen behandelt, ist die Esoterik präsent. Eine gewisse Kenntnis der Esoterik ist somit notwendig, um diese Völker und ihre Traditionen zu verstehen. Jedoch gibt es weder Okkultismus noch Spiritismus oder irgendwelche anderen sonderbaren Praktiken.
  • Mentale Manipulation
    Das ist nicht eine üblich geäußerte Kritik gegen Neue Akropolis. Was dies angeht, konnte ich feststellen, dass die Studenten nicht durch eine einzige Doktrin in ihrem Bewusstsein begrenzt wurden (wie es bei einer Sekte der Fall ist), sondern im Gegenteil, sind sie zu möglichst breitem Wissen/Bewusstsein angetrieben. Wodurch vielmehr eine große intellektuelle und psychologische Unabhängigkeit ermöglicht wird.

 

Meine Absicht
Meine Tätigkeit der Hilfe für Sektenopfer vollzieht sich in völliger religiöser wie politischer Neutralität. Ich bin eine bodenständige Frau, offen für den Dialog, sensibel für das menschliche Unglück. 12 Jahre Erfahrung haben meine Sinne geschärft und ich lasse mich nicht täuschen und noch weniger einschüchtern.


Ich bin integer, aufrichtig, direkt und unterstütze keine Ungerechtigkeit. Meine Toleranz könnte niemals das Intolerante akzeptieren.

Dies ist auch der Grund, was Neue Akropolis angeht, und auch nach Monaten der Untersuchung, in denen ich nicht irgendeinen sektiererischen Punkt feststellen konnte, dass ich denke, dass die Anschuldigungen gegen sie nicht gerechtfertigt und inakzeptabel sind.
Ich habe weder eine Sekte noch eine religiöse Gruppe gesehen, sondern eine Schule der Philosophie, die die Unterschiede unter den Menschen und Kulturen respektiert und die Brüderlichkeit unter allen Menschen sucht.

Es ist klar, dass für gewisse fanatisch religiöse Gruppen die Offenheit von Gruppen wie Neue Akropolis gegenüber anderen Formen der Spiritualität eine Gefahr darstellt. Dasselbe gilt für einige rationalistische Wissenschafter, die mehr oder weniger politisch gefärbt sind. Diese Gruppen daher gegenüber einer unwissenden und naiven Öffentlichkeit zu gefährlichen Sekten zu stempeln, ist eine effiziente Praktik. Aber sind jene mit ihrem Fanatismus vielleicht nicht selbst eine größere Gefahr für die Zukunft unserer Gesellschaft?

Einige werden denken, dass ich keinen Zugang zum „Hinterzimmer“ gehabt hätte und dass sich dort das wahre Gesicht von Neue Akropolis versteckt. Es ist unmöglich, dass man in mehr als einem Jahr intensiven Kontaktes nicht irgendeinen Fehler macht oder dass man sich nicht in irgendeiner Minute verrät! Es ist meine Meinung, dass eine solche Vermutung vielmehr Phantasie oder Übelwollen ist.

Mit großer Ehrlichkeit und nach meiner eingehenden Beobachtung und Analyse bestätige ich diesen Bericht.

Ich wünsche Neue Akropolis, dass sie diesen offenen Weg allem gegenüber fortsetzt und auch mit ihrem korrekten, interessanten, toleranten und menschlichen Verhalten fortfährt, das ich über 14 Monate die Freude hatte, mit ihnen zu teilen.

Unterschrift (Claire-Lise Hoehn)

Scan des (anliegenden) französichen Originalbrief