Ein Ausdruck praktischer Philosophie: Bachhilfe zur Selbsthilfe

Seit zwei Jahren engagieren sich Volunteers von Neue Akropolis beim alten Garchinger Mühlbach.

Was sie zu Beginn vorfanden war kein romantischer, kein natürlicher Bachlauf, keine springenden Fische, keine natürliche Uferböschung. Der Bach und seine Umgebung verströmte die Aura der Wegwerfgesellschaft, glich einem kranken Ökosystem, in dem unsere Zivilisationsabfälle gelagert wurden. Von vitalem Lebensraum keine Spur. Weggeschobene Verantwortlichkeiten, alte Gewohnheiten und vielleicht ganz einfach Trägheit ließen den Bach lange Zeit im Zustand eines  wasserführenden Kanals, mehr Zweck und Nutzen im Sinne egoistischer Befindlichkeiten.

Veränderung durch Leidensdruck

Aber wenn es Leidensdruck gibt, dann entsteht manchmal Energien der Veränderung. Und so arbeitet der Verein mit der Stadt München im Rahmen einer Bachpatenschaft zusammen, um in Ökoaktionen schrittweise dem Bach seinen natürlichen Zustand zu ermöglichen.

Die ersten Arbeiten gestalteten sich sehr konkret. In mehreren 50 Liter Säcken konnten die Freiwilligen unseren Zivilisationsmüll, wie Damenbinden, Baumaterial, Metallplatten, angerostete Stacheldrahtzäune und Flaschen aus dem träge ziehenden Wasser fischen. Manche Blockaden, die den natürlichen Lauf des Wassers hinderten, wurden entfernt; nicht nur Steinplatten oder Haufen von Totholz, sondern auch altes Laub, in vielen kleinen Ästen verhakt, schon zu Schlamm vermodert.

Was ist eigentlich der natürliche Lauf des Wassers?

Lange Zeit passte man Flüsse und Bäche den wirtschaftlichen Vorgaben an, und so wurden sie begradigt, kanalisiert und das Leben im Wasser und an den Uferböschungen zog sich zurück. Seitdem manchen Bach- und Flußläufen ihre mäandernde Fließrichtung wieder ermöglicht wird, kommt das Leben zurück. So versuchten die Volunteers, mit Totholz oder großen Steinen Seichtzonen wie auch schnellere Fließbereiche auszubilden. Wir kennen dieses Prinzip sehr gut, denn auch in unserem Leben läuft es niemals schnurgerade, viele Umwege und Herausforderungen säumen unseren Lebensweg; ersteres lähmt und langweilt recht schnell, letzteres lässt das Herz pulsieren.

Lebenskunst bedeutet Selbstaktivierung

Letztlich soll der Bach sich selbst überlassen sein, seine Selbstreinigungskräfte unterstützt werden. Auch ein Bach kann sich selbst aktivieren und Verantwortung übernehmen. Doch manchmal muss der Mensch voranschreiten und verantwortungsvolles Tun zeigen, ein Vorbild sein. Seit einiger Zeit engagieren sich nun auch anliegende Kleingärtner in ihrem Bachabschnitt, halten das Wasser sauber und schneiden auswildernde Uferböschungen zurück. Und wirklich, wandert man heute den Bach entlang, bemerkt man, dass sich sein Charakter geändert hat; vor zwei Jahren noch leicht träge, unschlüssig, leicht fiebrig, erscheint er nun heiter, flink und irgendwie gesünder. Ein Gemeinschaftswerk!

Zauber der Natur wiederentdecken

Gleich welcher Herausforderung die Philosophen sich bisher stellten, für alle war es eine wichtige Erfahrung, die Atmosphäre der Natur aufzunehmen und etwas zurückgeben zu können. Ohne Fokus auf Konsum sich einzuklinken in die Kette des Lebens und als Volunteer einen Beitrag in der Gesellschaft leisten zu können. Gerade der urbane Mensch steht heute vor der Herausforderung, den Zugang zur Lebendigkeit, zum Zauber der Natur wieder zu entdecken; nicht als Ausdruck kurzfristiger Gefühle, sondern als Notwendigkeit seiner unsterblichen Seele.

„Wenn wir der Natur als Führerin folgen, werden wir niemals abirren.“
Cicero

Autor: Martin Ossberger