Friedrich Nietzsche: Philosoph zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit

Der Wanderer und sein mysteriöser Schatten

Er war stark kurzsichtig, ziemlich reizempfindlich, zeit seines Lebens fasziniert von Musik, liebte das Klavierspielen und fühlte sich stets zwischen Wissenschaft und Kunst hin- und hergerissen. Immer wieder saß er stundenlang an seinem Flügel, um sich ganz dem dionysischen Rausch musikalischer Improvisation hinzugeben. Das glich er in seinem Leben durch Strenge und Disziplin aus, die ihm die Beschäftigung mit klassischer Philologie abverlangte. Daneben litt er regelmäßig unter heftigen Migräneattacken und Magenschmerzen und war Frauen gegenüber recht verklemmt. Friedrich Nietzsche wuchs in einem religiösen und von frommen Frauen dominierten Haushalt auf und wurde im Geiste des Protestantismus erzogen: Disziplin, Gehorsam, Demut, Unterordnung und ein gottgefälliges Leben zu führen, waren christliche Tugenden, die er zunächst aufrichtig beherzigte.

Sein Vater, ein evangelischer Pfarrer, starb, als er vier Jahre alt war. Sowohl Nietzsches Hang zu Vaterfiguren (Wagner, Ritschl, Schopenhauer), als auch ein latent vorhandenes religiöses Grundempfinden prägten sein Leben weiterhin. Dennoch vollzog er bald eine radikale Kehrtwende, wobei gerade die Loslösung von jeglichen Autoritäten und Moralvorstellungen für ihn typisch wurden. So wurde er zum „Philosoph mit dem Hammer“, dessen Präferenzen in Aphorismen wie „Ach … ihr Tugendhaften: was ich nicht bin, das ist mir Gott und Tugend“ oder „Götzen (mein Wort für Ideale) umwerfen – das gehört schon eher zu meinem Handwerk“ besonders deutlich werden. Rein äußerlich betrachtet, nimmt sein Leben einen ähnlich seltsamen Verlauf, wie seine rätselhaften gesundheitlichen Probleme und Zusammenbrüche.

Schon mit 24 Jahren wurde er Professor für klassische Philologie in Basel und bereits mit 34 Jahren wegen seiner kränklichen Konstitution in Frühpension entlassen. Sein ständig rebellierender Körper verlangte nach einer ihm zuträglichen Umgebung, die Nietzsche schließlich im Schweizer Oberengadin fand.

Hier zog er sich zunehmend in die Isolation zurück, um sich, wie sein späterer Protagonist Zarathustra, dem einsiedlerischen Dasein und der Kontemplation hinzugeben. Hier nun kam es auch zu einem Erweckungserlebnis, das Nietzsche zutiefst erschütterte und ihn schließlich wahnhaft verfolgte: zur Vision der ewigen Wiederkehr des Gleichen. „Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: die ewige Wiederkehr. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts („das Sinnlose“) ewig!“ Dieser Nihilismus Nietzsches führte bei ihm jedoch bald zu einer überraschenden Wendung, die sich durch eine extrem lebensbejahende, sozialdarwinistische Haltung, seinen Amoralismus und seine Lehre vom Übermenschen äußert. „Der Übermensch ist der Sinn der Erde“, lässt er seinen Zarathustra verkünden sowie: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.

Genau in diesen Abgrund und Untergang musste Nietzsche unzählige Male seines Lebens blicken – begleitet von Schmerzen, Trauer, Unglück, Einsamkeit und Enttäuschungen.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sich der Wahnsinn Nietzsches lange vor seinem endgültigen körperlichen Verfall zu manifestieren begann. Stellen wir uns einen Menschen vor, der sich von seinen eigenen Wurzeln abschneidet und Gott sowie moralisches Denken durch einen lebensbejahenden Willen zur Macht ersetzt – schon haben wir das philosophische Experiment vor uns, das Nietzsche aus seinem Leben machte: das Leben eines von inneren Widersprüchen geplagten, freien Geistes. Er lief Sturm gegen jegliche Ideale, konnte aber ein Leben ohne Ideale nicht ertragen.

Dass es reiner Wahnsinn ist, sich sämtlicher mit Mäßigung und Demut verbundener Moralvorstellungen zu widersetzen, macht jedoch die Betrachtung seines Lebens nur noch interessanter. Denn Nietzsche meinte es ernst damit und entwarf gerade in jener gedanklichen Atmosphäre der totalen metaphysischen Sinnlosigkeit allen Lebens seine Vision des Übermenschen: die traumhafte Inszenierung eines Wesens, das, losgelöst von jeglichem Wunschdenken und sozialen Bindungen, zum Sinnbild der Stärke für ihn wird. Besonders verhängnisvoll waren die Auswirkungen seiner Philosophie. Während die wichtigsten Einflüsse auf sein Denken von der griechischen Antike, von Richard Wagner, Arthur Schopenhauer und dem Christentum ausgehen, ist dessen Wirkungsgeschichte weit vielfältiger.

Nietzsches mächtiger, mysteriöser Schatten, der uns bis heute verfolgt, ergibt sich aus der überaus vielfältigen und widersprüchlichen Rezeption seiner Ideen und seiner Denkweise.

Während seine Demokratie- und Religionsfeindlichkeit sowie seine Ideologie des Willens zur Macht vor allem von den Nationalsozialisten mit dem Übermenschen als „blonder Bestie“ verknüpft und instrumentalisiert wurden, waren es später gerade die Gegner autoritärer Systeme, die sich auf ihn beriefen. Denn Nietzsche war beides: sowohl Protofaschist als auch vehementer Kulturkritiker und Freidenker mit anarchistischem Impetus. Es sind die Unabhängigkeit seines Denkens und die Poesie seiner Ausdrucksweise, die bis heute faszinieren.

Noch bevor die akademische Philosophie Nietzsche entdeckte, war er speziell im Künstlermilieu längst bekannt und beliebt. Die Tragik seines Lebens, welche seinen Kampf gegen „die Verlogenheit von Jahrtausenden“ widerspiegelt, wird begleitet von einer unvergleichlichen Zerstörungskraft seiner Gedanken. „Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissenskollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert und geheiligt worden war … ich bin ein Verhängnis.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 155, März 2016 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Manuel Stelz

Literaturhinweis

GERHARDT, Volker (Hg.): 2009. Friedrich Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird, was man ist. Mit einem Nachwort von Volker Gerhardt. München: dtv.

MONTINARI, Mazzino; Giorgio Colli (Hg.): 2009. Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Kritische Studienausgabe. München: dtv.

NANCY, Jean-Luc: 2000. Nichts jenseits des Nihilismus. IN: Die Zeit. https://www.zeit.de/2000/35/200035_ nietzsche_nancy.xml (abgerufen am 11.9.2018)

RÖD, Wolfgang; H. Schmidinger; R. Thurnher: 2002. Die Philosophie des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts 3. Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. München: C. H. Beck