Rätsel Bewusstsein - Licht ins Dunkel

Nichts definiert so sehr unser Menschsein wie unser Bewusstsein. Fällt es aus, so degenerieren wir zu einer Bio-Maschine. Die moderne Hirnforschung hat sich daher besonders bemüht, den Sitz des Bewusstseins im Gehirn zu lokalisieren, jedoch ohne Ergebnis.

Genau dieser Fehlschlag kann der Auftakt sein zu einem tieferen Verständnis dessen, was wir wirklich sind und was die Welt um uns herum bedeutet.

Was ist Bewusstsein?

Das Bewusstsein ist die Gesamtheit unseres augenblicklichen Seelenlebens, unser individuelles Erleben, unser „Film im Kopf“. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Wahrnehmung. Sie verarbeitet äußere Reize und verwandelt diese in Farben und Töne, ebenso Körperempfindungen wie Lust und Schmerz oder Gefühle von Hunger, Angst oder Freude. Daraus entsteht ein subjektives Erleben, das „phänomenale“ Bewusstsein. Dieses ist grundlegend und allen Lebewesen eigen.
 
Der Mensch verfügt außerdem über „kognitives“ Bewusstsein, z.B. wenn er über das Wahrgenommene reflektiert.
 
Das phänomenale Bewusstsein ist für uns so selbstverständlich und allgegenwärtig, dass wir überzeugt sind, damit unmittelbar eine äußere, objektive Realität zu erfassen. Doch dem ist nicht so.
 

Wie funktioniert Wahrnehmung?

Um diese Frage zu untersuchen, benötigt man zuerst ein Modell, ein grundlegendes Konzept darüber, wie sich die Dinge verhalten könnten. In der Hirnforschung ist dies, wie in den modernen Naturwissenschaften üblich, das Weltbild des Materialismus. Dieses geht von einer objektiven, zeitlich und räumlich definierten, materiellen Welt aus, in der einzelne Teile in einer Ursache-Wirkung-Beziehung stehen, die es zu erforschen gilt.

Beim Problem der Wahrnehmung geht es darum zu erklären, wie beispielsweise Lichtreize, die das Auge treffen, uns schließlich eine Person oder einen Gegenstand erkennen lassen.

Sichtbares Licht ist elektromagnetische Schwingung bestimmter Frequenz. Diese einer dreidimensionalen Welt entstammenden Reize werden als umgekehrte zweidimensionale Abbildungen auf die Netzhaut projiziert. Dort werden die Bilder in elektrische Impulse umgewandelt und zur Großhirnrinde gesendet, wo sie elektrochemisch verarbeitet werden.

So weit so gut. Doch wie entsteht das innere Erlebnis beim Sehen? Wer „sieht“? Wodurch?

Darauf hat die moderne Wissenschaft keine Antwort. Das Gehirn selbst kann die elektrischen Impulse nicht in farbenfrohe Bilder zurückverwandeln. Es kann selbst nicht „sehen“, zumal es in einer dunklen Kammer eingeschlossen ist.

Im Gehirn werden bloß einzelne Aspekte analysiert wie Bewegung, Farbe, Form. Objekte werden „detektiert“. Dabei helfen neuronale Netzwerke. Und dann entsteht plötzlich – nach einer Verzögerung von 0,5 Sekunden – unsere bildliche Wahrnehmung.

Wahrnehmung ist mehr als Detektion. Unser Menschsein, unsere Fähigkeit zu lernen, uns weiterzuentwickeln, basiert auf dem phänomenalen Erleben, auf Bewusstsein.

Ein Wachkomapatient kann wohl auch auf Reize reagieren, aber ihm fehlt eben dies: das Bewusstsein.

Produziert das Gehirn Bewusstsein?

In seinem 2011 erschienen Buch „Was ist Bewusstsein?“ interpretiert der Bewusstseinsforscher Adnan Sattar Bewusstsein als einen einheitlichen, ständigen Strom aller unserer Wahrnehmungen. Es wird ergänzt und unterstützt von großen Mengen unbewusster Wahrnehmungen und Prozesse.

Sattar fasst den experimentellen Forschungsweg und heutigen Erkenntnisstand der Hirnforschung zusammen. Alle Aktivitäten des Gehirns kommen demnach nicht über die Stufen Detektion, emotionale Bewertung und reflektorische Handlung, zusammengefasst die „reaktive“ Komponente, hinaus. Für phänomenales Erleben und bewusste Handlung gibt es keinen Ansatz.

Das Gehirn steht dafür auch vor schweren Problemen: So verfügt es nur über eine Summe zerpflückter Sinnesdaten, die an keiner Stelle (Zentrum) wieder zu einer interpretierbaren Einheit zusammengeführt werden. Sein Material besteht aus Stromimpulsen, welche nichts mit Sehen, Horen, Riechen, Schmecken, Tasten zu tun haben. Und dennoch entsteht standardmäßig eine halbe Sekunde nach einem Reiz auf rätselhafte Weise Bewusstsein.

Sattar listet eine Reihe weiterer Schwierigkeiten für die Sinne und das Gehirn auf, etwa die Unmöglichkeit, räumliche Wahrnehmung zu generieren. Er betont den Unterschied zwischen Original (Objekt) und Projektion (z.B. Monitor einer Videokamera). Wäre unser phänomenales Bewusstsein nichts anderes als eine Projektion

der Außenwelt, die irgendwo in unserem Gehirn stattfindet, so ergäbe dies ein unlösbares Problem der „Lokalitäten“.

Dies veranschaulicht der Bewusstseinsforscher mit folgendem Experiment: Sehen zwei Probanden mit aufgesetzter Spezialbrille eine virtuelle Umgebung, z.B. einen Raum mit einer Tür, so würden sie alles als echte Eindrücke und übereinstimmend beschreiben. Bittet man sie nun, in ihrer virtuellen Realität nach der Türklinke zu greifen, so würden die Probanden zielsicher ihren Arm ausstrecken, allerdings jeder nach einem anderen Punkt im Raum. Da die Bildprojektionen (Monitore) nicht am selben Punkt sind, stimmen auch die Lokalitäten der erbetenen Handlung nicht überein.

Naiver Realismus

Fußball hat dadurch einen Reiz, dass die Spieler den Ball einheitlich an der gleichen Stelle verfolgen. Man hält dies für selbstverständlich, weil es ja eben nur eine objektive Realität gibt, die unmittelbar wahrgenommen wird. Das ist aber ein Denkfehler. Vielmehr ist es unter diesen Annahmen unerklärbar, wie es zu einer Übereinstimmung, Einheit der Lokalitäten der 22 Spieler untereinander und mit dem Original kommt, wo doch jeder mit seinem eigenen „Monitor“ herumläuft. Wie gesagt erleben wir die vermeintliche Realität nicht direkt (naiver Realismus).

Übrigens ist der Ball gar nicht mehr dort, wo ihn alle gerade sehen, sondern während der berühmten halben Sekunde bereits ein Stück weitergeflogen.

Der Geist

Die Forschungsergebnisse zwingen zu der Annahme eines übergeordneten Ordnungsprinzips, das die Einheit der Lokalitäten herstellt. Nur der Geist ist in der Lage, eine Matrix, kausale Gesetzmäßigkeiten für die sichtbaren Strukturen unserer Welt zu liefern. Dabei arbeiten Gehirn und Geist zusammen. Ohne physisches Gehirn kann sich der Geist nicht manifestieren. Er bliebe unerkannt. Ohne Geist wiederum ist der Körper orientierungs- und willenlos, ein Bio-Roboter, ein Zombie.

Der Geist wirkt ursachlich. Er kann Aufmerksamkeit willentlich fokussieren, Entscheidungen treffen, begründen, verstehen. Er herrscht als höhere Ebene über das Gehirn, ist aber wiederum von diesem als Basis abhängig. Er umfasst Bewusstes wie Unbewusstes, arbeitet sequenziell-linear-begrenzt wie auch parallel-zeitlos-unbegrenzt. Er fließt frei wie Wasser und nutzt die gegebenen Strukturen.

Zusammenarbeit von Geist und Gehirn

Bei neuen Situationen bzw. Reizen wird der Geist als Einflussgröße erkennbar. Das Gehirn könnte aus sich heraus als geschlossenes System für Unbekanntes keine Lösung finden; ähnlich wie beispielsweise ein Navigationsgerat auf einer nicht vermerkten Straße hilflos ist. Es braucht dann eine übergeordnete Instanz zur Orientierung.

Praktisches Beispiel kann ein Baby sein, das einen neuen Gegenstand anzufassen versucht. Anfangs kommt es zu Fehlgriffen, bis schließlich die Bewegungen korrigiert werden. Ohne Wahrnehmung, d.h. ohne Bewusstmachung des Fehlversuches (Geist) wäre dieser Prozess unmöglich. Das Gehirn allein ist nur ausführendes Organ.

Die gestaltende, kausale Wirkung des Geistes wird an speziellen Neuronen erkennbar. Diese reagieren nicht wie andere auf Reize, sondern feuern ihre Aktionspotenziale spontan. Solche spontanen Aktivitäten begleiten die Wahrnehmung und mentale Prozesse. Sie finden nur bei gesunden Menschen mit Bewusstsein statt. Das Bewusstsein ist Wahrnehmung und Wahrnehmender zugleich.

Was ist Realität?

Philosophen haben diese Frage oft gestellt. Im Lichte der Erkenntnisse über das Bewusstsein verbunden mit den Gesetzen der Quantenphysik ergibt sich eine völlig neue Sichtweise. So müssen wir die Frage noch erweitern: Gibt es überhaupt eine Welt „da draußen“?

Die Pioniere der Quantenphysik im 20. Jahrhundert hatten darauf bereits eindeutige Antworten: Es gibt keine objektive Realität, es gibt keine Materie.

Was wir über unsere begrenzten Sinne wahrnehmen, ist bestenfalls ein Gewirr an elektromagnetischen Schwingungen, ein Wellen-Interferenzmuster. Die Bausteine der sogenannten „Materie“, jene Wellen und Felder, werden dabei erst durch unsere Beobachtung festgelegt. Vorher existieren sie nur als Potenzial („Wahrscheinlichkeitswolke“). Mit anderen Worten: Realität entsteht erst durch den Akt unserer Beobachtung, also unseres Bewusstseins, und zwar in der Gegenwart, im Jetzt.

Zusammengefasst: Was wir wahrnehmen, ist nicht ein irgendwie geformtes Abbild einer objektiven Realität. Alles entsteht nur in und durch unsere Wahrnehmung. Das bedeutet: Bewusstsein ist ein Schöpfungsakt!

Gemäß Quantenphysik gibt es keine Materie, aber es gibt auch kein Nichts. 1996 wurde der „Casimir-Effekt“ nachgewiesen, wonach das absolute Vakuum tatsächlich eine brodelnde Fülle darstellt. Dort entstehen quasi aus dem „Nichts“ laufend Teilchen und Energien und verschwinden wieder. Die vermeintliche Leere schäumt geradezu über vor Aktivität! Sie ist das unerschöpfliche Potenzial, das unsichtbare Meer aller Möglichkeiten für physische Erscheinungen.

Dieses rätselhafte „Quantenvakuum“ wird neuerdings auch unter dem Stichwort „Nullpunktfeld“ diskutiert. Das Nullpunktfeld soll für die Massenträgheit verantwortlich sein und damit für die Illusion von Materie (siehe Bernard Haisch: „Warum Gott nicht würfelt“).

Ein holografisches Weltbild

Um das alles zu verstehen, benötigen wir eine radikale Änderung unseres Weltbildes. Dass das materialistische Weltbild, obwohl heute dominierend, nicht stimmen kann, ist vielen Menschen intuitiv bewusst. Mit einer einfachen Dualität aus materieller Welt und geistiger Welt tun sich dennoch viele schwer, weil der Zusammenhang zwischen Geist und Materie fehlt.

David Bohm (1917–1992), ein amerikanischer Quantenphysiker und Philosoph, hat ein passenderes Modell geschaffen. Es vereint Geist und sogenannte „Materie“ ganzheitlich, holografisch.

Um den schwer verständlichen Phänomenen der Quantenmechanik eine Basis zu geben, postuliert Bohm eine allem zugrunde liegende „implizite Ordnung“. Sie ist das unsichtbare Meer aller Möglichkeiten, das alle Informationen für unendliche viele Formen der sichtbaren Welt enthält. Die Besonderheit des Holografischen liegt nun darin, dass jedes Teil das Ganze enthält, ähnlich etwa, wie jede menschliche Zelle das Genom des ganzen Menschen birgt.

Weiter geht Bohm von einer „Holobewegung“ aus, welche unablässig neue Konstellationen aus dem Ozean (Quantenpotenzial) hervorbringt. Diese „Holomuster“ bilden schließlich die informatorische Grundlage für die Formen der „Materie“, damit auch für den Raum. Durch unser Bewusstsein, unseren Geist, werden diese Holomuster transformiert und erfahrbar gemacht. Bohm beschreibt folglich unser physisches Universum als „ein Kräuseln auf der Oberfläche des Bewusstseins“.

Der Physiker Bohm liegt mit diesem Konzept nahe an den jahrtausendealten philosophischen Lehren. In Indien kennt man die zugrunde liegende Ordnung als „Dharma“, die alten Ägypter bezeichneten sie als „Maat“, Konfuzius nannte sie „Li“. Das Zusammenspiel von Geist und Materie hatte auch schon Platon (427–347 v. Chr.) beschrieben: „Die materiellen Dinge gleichen bloßen Schatten, denen keine wahre Wirklichkeit zukommt. Sie sind nur Abbilder der Ideen. Diese sind Formen, Strukturen, Gattungen, Allgemeinheiten des Seins. Nur ihnen kommt wahre Identität zu.“

Mehr Licht, bitte!

Unsere „materielle“ Welt ist also eine Welt des Geistes. Außerhalb des Geistes existiert nichts. Bewusstsein ist also eine Schöpferkraft, die das Manifeste aus dem Latenten holografisch hervorbringt. Und wir sind Bewusstsein!

Die wunderbaren Konsequenzen für unsere Welt auszumalen, wenn die Menschheit bald endlich von der Blindheit des materialistischen Weltbildes erlöst wäre, würden den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es ist klar, dass sich Wirtschaft und Technik, Religion und Politik vollständig verändern und dem Menschen eine wahrhafte, nämlich eine geistige Entwicklung ermöglichen würden. Die Mehrheit ist sich dieser Möglichkeit heute nicht bewusst.

Was wir also so lange tun können, ist, wo auch immer wir agieren, mehr Licht zu bringen, Bewusstsein zu fördern. Dazu ein Gedankenexperiment aus der Physik: Reist man schnell wie ein Lichtteilchen durchs Universum, so kollabieren Raum und Zeit in einem Punkt. Oder anders formuliert: Mit dem Licht des Geistes verschwinden alle Täuschungen der materiellen Welt.

 

Die Väter der Quantenphysik waren ihrer Zeit weit voraus

„Es gibt keine Materie an sich. Alle Materie entsteht und besteht durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt … Da es im Weltall aber weder eine intelligente Kraft noch eine ewige Kraft gibt … so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie.“ (Max Planck, 1858–1947)

„Nichts spiegelt sich! Die Welt ist nur einmal gegeben. Urbild und Spiegelbild sind eins. Die in Raum und Zeit ausgedehnte Welt existiert nur in unserer Vorstellung.“ (Erwin Schrödinger, 1887–1961)

„Wenn wirkliches Neuland betreten wird, kann es aber vorkommen, dass nicht nur neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern dass sich die Struktur des Denkens ändern muss, wenn man das Neue verstehen will. Dazu sind offenbar viele nicht bereit oder nicht in der Lage.“ (Werner Heisenberg, 1901–1976)

 

Literaturhinweis:

Sattar, Adnan: Was ist Bewusstsein? – Die verborgene Sicht unserer Realität, Berlin, 2011

Haisch, Bernard: Warum Gott nicht würfelt – Geist, Kosmos und Physik, Amerang, 2014

 
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 140, April 2015 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Walter Krejci