Die 4 Wege des inneren Yoga

Im Gegensatz zur heute verbreiteten Meinung sind sowohl die Philosophie des Yoga als auch die Formen, mit denen diese Philosophie zum Ausdruck gebracht wird, nicht ausschließlich indischen Ursprungs.

Alle Schulen des Altertums mit initiatischem Charakter, in denen anhand eines seit vielen Generationen überlieferten philosophischen Wissens eine ganzheitliche spirituelle Entwicklung des Menschens möglich war, kannten Yoga, wenn auch seine besonderen Merkmale je nach dem Kulturkreis Unterschiede aufweisen.

Was bedeutet Yoga?

Das Wort "Yoga" bedeutet "Einheit". Yoga ist deshalb alles, was eint, verbrüdert und zusammenführt. Alles, was trennt, ist ein Feind des Yoga; die eigentliche Bedeutung von Yoga kommt dem Begriff Religion (von lat. religare - wieder verbinden) am nächsten. In diesem Sinne waren jene alten, starken und weisen Religionen in Wirklichkeit Ausdrucksformen des reinsten Yoga - es waren dies eklektische Religionen, mit einer derart großen Toleranz gegenüber anderen Religionsformen, wie wir sie uns heute in einer Zeit der Religionskriege und des religiösen Fanatismus schwer vorstellen können.
Yogapraktiken waren unter den Ägyptern, den Persern, den Mayas, den Griechen, den Etruskern und vielen anderen Völkern bekannt. Die heute aus diesen Kulturen bekannten Skulpturen und Abbildungen werden aber oft für symbolische Darstellungen heiliger Kunst und ritueller Tänze gehalten. Die indische Tradition sagt, dass mit fortschreitender Entwicklung des "Kali-Yuga", dem "Eisen- oder Dunklen Zeitalter", in dem wir uns gemäß der indischen Zeitenlehre seit etwa 5000 Jahren befinden, das ursprüngliche Wissen über Yoga allmählich aus der Öffentlichkeit verschwand und sich in den Orient zurückzog; daher stammt die Vorstellung, Yoga wäre indischen Ursprungs.



Im Westen spricht man viel von Yoga, denn seine wunderbaren Auswirkungen, die er auf den Körper und dessen vitale Funktion zeigt, sind tatsächlich beeindruckend; der metaphysische Aspekt des Yoga allerdings drang nie über die initiatischen Klöster hinaus. Die wenigen Male, in denen dieses Wissen in die modernen Länder der westlichen Welt gelangte, wurde es abgelehnt und vergessen - aufgrund der übertriebenen Darstellungen gewisser "Yogameister", die in Indien nicht über den Grad eines schlechten Schülers hinausgekommen wären.

Die einzigen Ausdrucksformen des Yoga, die deshalb im Westen populäre Verbreitung fanden, sind jene englischer Reisender wie Ramacharaka (Pseudonym) und jene von Mönchen wie Vivekananda. Viele andere Autoren bemühten sich, die spirituelle Dimension des Yoga zu erläutern, am Ende aber verblieben sie fast immer bei der ausschließlichen Erklärung der rein gymnastischen Aspekte, wenn sie mit ihren Büchern entsprechende Verkaufsziffern erreichen wollten. Doch diese Körperübungen sind nicht Yoga, sondern nur dessen "ABC" oder Vorbereitung; sie sind nur die äußerste Schale des wahren Yoga. Wie leicht wäre es, zur Vollendung oder Erleuchtung zu gelangen, wenn es dafür genügte, täglich Atemübungen zu machen und Sanskritwörter und die Namen von Meistern herunter zu beten! Doch so leicht ist es nicht, ob die metaphysischen Faulenzer es nun wahrhaben wollen oder nicht.


Hatha Yoga

Man kann den Yoga nach der traditionellen Art und Weise schematisch in vier Teile gliedern. Vorerst jedoch sollten wir uns die Existenz eines Yoga gymnastischer Natur oder vorbereitender Körperübungen in Erinnerung rufen, den man dem Schüler zu praktizieren empfiehlt, welcher aber für den, der keinen erfahrenen und behutsamen Lehrmeister hat, äußerst gefährlich ist. Es ist dies der Hatha Yoga, die einzige Art von Yoga, die im Westen weitere Verbreitung gefunden hat und als Yoga schlechthin bezeichnet wird. 

Die Tradition hingegen unterscheidet vier weitere Arten oder Pfade des Yoga, die den vier Elementen, den vier sterblichen Körperebenen usw. entsprechen.


Karma Yoga

Karma Yoga bezeichnet den Weg der menschlichen Entwicklung durch ethisch richtige Handlungen, also - mit den Worten der indischen Philosophie ausgedrückt - der Überwindung des Karma durch die guten Werke, die das negative Karma durch positives aufwiegen, damit der Schüler zu jenem Handeln findet, das keinen persönlichen Nutzen oder Vorteil erwartet, weil er nicht mehr von ihnen abhängig ist. Karma Yoga steht mit dem Element Erde in Verbindung sowie mit der Beherrschung der physischen Ebene, obgleich sich sein Wirken aufgrund vitaler Lebensenergie entfaltet - symbolisch gesehen also aufgrund des Elementes "Wasser".


Bhakti Yoga

Bhakti Yoga ist der Yoga der Hingabe, der Überwindung der niederen und tierisch-instinktiven Emotionen zugunsten hoher und selbstloser Gefühle. Bhakti Yoga ist vergleichbar mit einem echten religiösen Leben, so wie wir Religion heute verstehen. Er entwickelt das reinste Wesen der religiösen Lehren, die Fähigkeit zu einer selbstlosen allumfassenden Liebe, die dem gewöhnlichen Menschen entgeht.

Er ist die verkörperte Reinheit und Güte. Bhakti Yoga entfaltet sich im energetisch-vitalen Bereich, jenem Bereich den die chinesische Tradition mit Chi und die indische Tradition mit Prana bezeichnet, und die symbolisch dem Element Wasserangehört. Seine Wirkung entfaltet Bhakti Yoga im energetisch-vitalen Bereich mit Hilfe von psychischer Energie bzw. des Elementes Luft.


Jnyani Yoga

Dies ist der Pfad der Erkenntnis, der Harmonie des Verstandes, zu der man durch die Entwicklung der Unterscheidungskraft gelangt. Der, der Jnyani Yoga ausübt, ist Eingeweihter in die Rechte Erkenntnis, er ist ein Weiser; er beherrscht seine  Gefühle und das Element Luft dank dem Feuer des Verstandes und der Fähigkeit, nicht nur subjektiv zu denken, sondern zu objektiven Erkenntnissen zu gelangen.


Raja Yoga

Raja Yoga ist der "königliche", der wirkliche, der höchste der vier Einweihungspfade des Yoga.
Sehr wenige Menschen in der Weltgeschichte sollen es bisher geschafft, ihn zu vollenden, denn er kanalisiert eine im gegenwärtigen Schema der Natur nur sehr schwer fassbare Energie.

Er wirkt durch den Willen, der sich in Selbst-Beherrschung ausdrückt; er bedeutet die vollständige Kontrolle des Elementes Feuer, also des Verstandes, durch das subtile Element "Äther" (das fünfte Element der chinesischen Tradition) und den schöpferischen Willen des Egos, d.h. des höheren Geistes. Der Raja Yogi gehört in der indischen Philosophie zu den großen Eingeweihten und kann den menschlichen Zustand hinter sich lassen (er wird zu "Akamasa"). Es sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, dass kein Schüler die spirituellen Pfade des Yoga beschreiten kann, ohne zuvor seine physische Natur beherrscht und gründlich gereinigt zu haben.


Spirituelles Yoga erfordert Anleitung

In den im Westen verbreiteten Büchern liest man viel über Kundalini, Agni-Yoga und ähnliches. Diese sind keine echten Yogas, sondern nur Teile des Yoga, kleinere Wege innerhalb der großen Pfade. Auf jeden Fall sollte man keine dieser Übungen beginnen, ehe man nicht ihre jeweilige Philosophie, die ihre Seele bildet, studiert und vollständig verstanden hat. Der Weg des Hatha Yoga als vorbereitende Übungen ist derzeit im Westen sehr populär, und es gibt mittlerweile erfahrene Lehrer. Viele indische Lehrer des weiterführenden Yoga warnen aber vor Krankheit, Wahnsinn, Tod und Leiden über mehrere Inkarnationen hinaus, wenn man versucht den Weg des spirituellen Yoga zu beginnen, ohne zuvor seine physischen, emotionalen und mentalen Seiten gereinigt zu haben, und zwar mit der Hilfe und unter der genauen Kontrolle von jemandem, der schon vor ihm diesen Weg beschritten und erfolgreich zurückgelegt hat und andere unterweisen kann.

Gemäß einer orientalischen Weisheit: Ist das Ohr vorbereitet zu hören, kommen die Lippen, die es mit Weisheit erfüllen".

 

von Jorge Angel Livraga