TierARTen - warum die Kunst ohne Tiere nicht leben kann

Tier und Mensch verbindet ein eigenartiges Band. Tiere werden vom Menschen geliebt und verhätschelt, ausgebeutet und gequält. Sie stehen uns einfach nahe. So bellen, zwitschern, miauen und krächzen unzählige Tiere auf Gemälden, in der Musik, in Büchern und Filmen. Die Kunst kann auch Arche sein - nicht unbedingt, um eine bestimmte Tierart zu retten, sondern um eine menschenwürdige Beziehung zum Tier am Leben zu erhalten.

Das berühmte Bibelzitat: "Macht euch die Erde und die Tiere untertan" braucht es heute nicht mehr. Da reichen auch Argumente des Profits und der Rentabilität. In der provokanten und negativen Kunst finden sich Werke zu dieser Unterjochung. Aber wenn wir an "Tiere in der Kunst" denken, dann kommen Bilder von außergewöhnlichen Freundschaften, Treue und Dienst am Menschen, Beispiele für ein bereicherndes Zusammenleben von Tier und Mensch oder von Schönheit, Ästhetik und Kraft in der Tierwelt.

Die Kunst als Inspiration und Reflexion, als Kommunikation, purer Akt und kreative Schöpfung ist dem Menschen eigen, aber der Ausdruck selbst ist auch in den Tieren angelegt. An dieser Stelle sei jedoch erwähnt, dass es nicht mein Anliegen ist, in diesem Artikel über die Kunstfertigkeit von Tieren zu diskutieren. Auch wenn malende Orang-Utans, aquarellierende Delfine oder klecksende Elefanten durchaus für Schlagzeilen sorgen, möchte ich meine Betrachtung von Tieren und der Kunst in einen anderen Zusammenhang stellen.

Auch meine ich nicht vordergründig, was im Internet erscheint, wenn man den Suchbegriff: "Tier und Kunst" eingibt. Schon der zweite Eintrag verspricht: "Ihr Liebling ist ein Kunstwerk wert ... Herzlich willkommen auf meiner Webseite "Tier und Kunst"! Auf diesen Seiten möchte ich Ihnen mein Angebot vorstellen, Ihr Lieblingshaustier zu malen oder zu zeichnen. Es ist ganz einfach: Sie mailen oder schicken mir ein Foto zusammen mit dem Namen des Tieres und den Angaben über die gewünschte Größe und Technik, und innerhalb von zwei bis drei Wochen halten Sie ein Kunstwerk in Ihren Händen, das Ihren Liebling für immer unvergessen macht."

Tiere haben Künstler in allen Sparten inspiriert. Wer kennt nicht Krambambuli, Bambi, Lassie oder Black Beauty. Trickfilmfiguren wie Mickey Mouse und Dagobert oder Donald Duck schaffen sogar eine Vermenschlichung der Tiere - oder eine Vertierung des Menschen?

Wenn man sich auf die Suche nach Tieren in Kunstwerken begibt, kommt man ins Staunen. Selbst unter Musikstücken entdeckt man den Hummelflug, Kuhreigen oder die Katzenfuge. Picassos Dackelrüde "Lump" zählt auch heute noch zu den wichtigsten Tiermodellen in der Kunstgeschichte und taucht in insgesamt 45 Werken auf.

Auch Max Ernst, Maler Grafiker und Bildhauer des Surrealismus, hatte eine ganz besondere Beziehung zu einem Tier. Er sah sein Alter Ego als Vogel, der den Namen "Loplop" trug und dessen Figur sich durch sein gesamtes Werk zieht. Auch in anthropomorphen Formen stellt er Menschen mit Vogelköpfen oder auch mit ausgebreiteten Schwingen dar. Die Verbindung von Mensch und Tier, Künstler und Tier als eine magische Verbindung wird von Max Ernst auch in seinen Schriften ausgedrückt.

Was mir zu diesem Thema auch einfällt, sind die Bilder der Grazer Künstlerin Norbertine Bresslern-Roth. Sie gilt weltweit als die bedeutendste Tierdarstellerin der Gegenwart. Auf ihren Bildern lauern schwarze Panther, laufen Hunde und Pferde und verkörpern Naturkraft und -schönheit. Fliegende Vögel - für manchen Geschmack vielleicht zu lebensecht - scheinen aus ihren Bildern fast herauszufliegen. Das, was bleibt, ist die Bewunderung für ein Reich der Natur.

Die enge Verbindung des Lebensraumes und die damit einhergehende Verbundenheit von Tier und Mensch werden durch sehr frühe Zeugnisse der Menschheitsgeschichte deutlich. 1994 entdeckten Forscher in der Schlucht des Ardèche-Flusses in Südfrankreich den Eingang zu einer Höhle; was sich dahinter verbarg, hatte niemand geahnt. Die Chauvet-Höhle, benannt nach einem der Entdecker, Jean-Marie Chauvet, gehört heute zu den wohl wichtigsten Funden der Höhlenforschung.

Die zwischen 33.000 bis 28.000 v. Chr. entstandenen Zeichnungen aus Kohle und Ocker zieren das weitläufige Höhlengewölbe im Ausmaß eines großen Fußballplatzes. Rund 400 Wandbilder zeigen vor allem eines: Tiere. Von Mammuts, Bisons, Höhlenlöwen, über Bären, Wildpferde, Hirsche und andere erzählen die Bilder und geben Einblick in das Leben der Menschen. Heute nehmen Forscher an, dass Tiere, die eine Bedrohung für den Menschen darstellen konnten, vor allem deshalb abgebildet wurden, um ihnen die Gefährlichkeit zu nehmen und die Angst des Menschen vor ihnen zu bannen. Andere meinen, die Tiere stehen symbolisch für archetypische Fähigkeiten, die der Mensch bewusst für sein Leben und Handeln erobern muss. Unabhängig von der Interpretation bleibt die Tatsache: Das Tier war untrennbarer Teil des Lebens der Menschen.

Begleiter des Menschen

Auch heute sind Tiere Teil der Gesellschaft und vor allem als domestizierte Haustiere stete Begleiter der Menschen. Diese Rolle des Tieres wurde auch in Fotografien des amerikanischen Magnum-Fotografen Elliot Erwitt dokumentiert. Er meint augenzwinkernd auf die Frage, warum er regelmäßig Hunde ablichtet: "Hunde sind die freundlicheren Models!" Ob das auch die großen Maler veranlasst haben mag, die Bilder von Herrschern, Infanten und Infantinnen nebst Mensch auch mit kleinen Möpschen, schlanken Windhunden oder sonstigem Getier zu bereichern?

Bleiben wir bei den Hunden. Wer träumt nicht als Kind von einem treuen Gefährten wie etwa Lassie, die uns aufs Wort folgt, uns liebt und uns rettet? Andere träumen, ein Tier zu lieben und es mitleidig pflegen zu dürfen. Hegen wir nicht auch als Erwachsene solche oder ähnliche Träume? Da gibt es viele Sehnsüchte und tiefe Gefühle, die natürlich auch die Kunst braucht, selbst auf die Gefahr hin, zu sehr zu vermenschlichen.

In Märchen und Fabeln werden Tieren menschliche Züge zugesprochen.

Der listige Fuchs, dem sich auch Goethe in seinem Werk "Reineke Fuchs" widmet, der gutmütige Bär, bekannt als Meister Petz oder das faule Langohr, der Esel. Hier werden die Tiere zu Lehrmeistern für den Menschen. Es entsteht eine wunderbare Doppelseitigkeit des Lernens und Lehrens zwischen Tier und Mensch.

Meine Großmutter hatte ein Bilderbuch für Erwachsene, aber ich liebte es schon als Kind. Die Tuschzeichnungen zeigten Szenen aus dem menschlichen Alltag, bei Gesellschaften, bei der Arbeit, bei einem Heiratsantrag. Die Köpfe aber waren von Tieren - was eine unglaubliche Charakterstudie ergab. Da gibt es beleibtere Damen mit gemütlichen Nilpferdköpfen, schlanke doppelzüngige Schlangenfrauen, buckelnde Katerangestellte und dominante Löwenchefs. Vielleicht lässt gerade diese Ähnlichkeit im Charakter eine Tiefe in der Betrachtung und im Verständnis aufkommen, die symbolische Verkleidung des Menschen in Tiergestalt eine direkte Botschaft übertragen.

An dieser Stelle sei noch ein Bild angesprochen. Nämlich jenes von Gabriel Max, dem Historienmaler und Theosophen.

Das Gemälde Affen als Kunstrichter aus dem Jahre 1889 führt uns wieder zu einem interessanten Doppelspiel: Benehmen sich manche Kunstkritiker heute ähnlich wie Affen oder soll hier die Tierwelt das (Gesamt)Werk des Menschen bewerten? Ob sie ein mildes Urteil fällen? ... Dürfen wir heute darauf überhaupt hoffen?

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 132, April 2013 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Julia Haimburger