Faust - Der Weg des suchenden Menschen

Nicht nur ein Künstler sucht sich einen Stoff – auch ein Stoff sucht sich seinen Künstler.

Die großen Ideen warten darauf, zu geeigneter Zeit für die Menschheit zu inkarnieren. Dazu brauchen diese Ideen einen Vermittler. Goethe war ein solcher.

Mit 21 Jahren begann Goethe mit der Arbeit am Urfaust, angeregt durch den Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brand, deren Hinrichtung Goethe wahrscheinlich miterlebte. Mit 82 Jahren beendete Goethe das Werk mit Faust II, einer Menschheitsparabel mit vielen kosmischen Symbolen.

Goethe entdeckte eines der größten Prinzipien des spirituellen Lebens: die Reinkarnationstheorie. Eigenartigerweise wusste Goethe selbst nicht, was die Botschaft von Faust war. Das ist typisch für einen Autor, der während des Schöpfungsflusses eine höhere Welt kontaktiert, die er enthüllen kann, deren Bedeutung er aber nicht notwendigerweise versteht.

Goethe kannte die Reinkarnationstheorie, aber sie sprach ihn nicht an. Nur einmal bemerkte er zu Charlotte von Stein, es sei für ihn die einzige Erklärung für ihr gegenseitiges Verständnis, dass sie sich beide schon in früheren Leben sehr nahegestanden sein mussten.

Die psychologische Transformation von Faust kann nicht in einem Leben stattgefunden haben. Verschiedene Episoden zeigen verschiedene Leben, in denen sich der Charakter von Faust transformiert.

 

Der Tragödie erster Teil

Im Prolog im Himmel sprechen Gott und Mephisto über Faust. Gott hält sehr viel von Faust, weil er nach Erkenntnis strebt. Gott erwähnt, dass der rastlose Teil im Menschen notwendig ist – als Gegengewicht zur Faulheit. Wenn der Mensch bequem wird, strebt er nicht mehr nach Erkenntnis oder generell nach Höherem. Und genau diese Faulheit wird Mephisto verhindern, indem er den Menschen ständig „reizt und wirkt“.

Als dunkle Seite des Guten vertritt Mephisto ein Konzept aus den Mysterien. Seine Aufgabe ist es, dem Aspiranten Hindernisse in den Weg zu stellen. Mephisto erklärt seine Funktion im kosmischen Plan: Er ist „… ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

Stört Mephisto die Pläne Gottes? Nein. Gott nennt Mephisto einen Schalk, den Gott den Menschen gerne als Lebensbegleiter beistellt. Gott will Mephisto beweisen, dass man Faust letztlich nicht von seiner geistigen Urquelle abziehen kann. Die tierischen Anteile und das Himmelslicht im Menschen kämpfen gegeneinander. Doch Gott spricht: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Dies ist die Wette zwischen Gott und Mephisto.

Nun beginnt das eigentliche Drama mit Faust als altem Mann. Er will ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Seit der Jugend bis ins Alter hat er Befriedigung in Wissen und Kenntnissen gesucht, aber nur Enttäuschung erlebt.

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh' ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!“ … Drum hab' ich mich der Magie ergeben.“

Alles angehäufte Wissen reicht nicht, um höhere Erkenntnisse zu gewinnen. Faust versucht nun, gewaltsam Grenzen mit ungeeigneten Mitteln zu sprengen. Zuerst wendet er sich der Magie zu und macht eine Art Erdgeist beschwörung. Der Erdgeist weist ihn jedoch in seine Schranken.

Franz Xaver Simm: Der Teufelspakt

Der zweite Versuch, Grenzen zu sprengen, ist sein Selbstmordversuch. Er erhofft sich im jenseitigen Leben mehr Erkenntnisse über die geistigen Zusammenhänge des Kosmos. Erkenntnisse lassen sich jedoch nicht erzwingen. Ein Selbstmordversuch von Faust wäre ein Erzwingen der Erkenntnisse. Aber Erkenntnisse müssen wachsen, erfahren werden durch das Leben selbst.

Faust setzt die Giftschale an die Lippen, doch bevor er trinkt, ertönen Glocken. Erinnerungen an das Glück der Kindheit werden wach. Es ist ein Ostermorgen. Nicht nur Faust ist in dieser Osternacht ins Leben zurückgekehrt, auch die Natur erblüht wieder. Die Fähigkeit, sich zu erneuern, ist die Kraft der goldenen Aphrodite. Bereit zu sein, Altes, lieb Gewordenes aufzugeben und neu zu beginnen.

Faust merkt, dass er einen ganz neuen Weg einschlagen muss. Nicht Wissen, sondern das Leben selbst muss seine Erkenntnissphäre sein.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält in derber Liebeslust Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Mit diesen Worten beschreibt Faust die Dualität in sich: eine niedere und eine höhere Ebene. Was wir „Leben“ nennen, ist unser Versuch, diese beiden gegensätzlichen Elemente zu harmonisieren. Unsere geheimste Sehnsucht ist es, eins, ganz und ungeteilt zu sein. Wenn der Mensch sich dessen nicht bewusst ist, geht er unbekümmert von Erfahrung zu Erfahrung. Ist er sich dessen jedoch bewusst, nutzt er seine Vernunft und sucht den „Pfad“.

Mephisto kommt zu Faust, als Faust vom Wissen enttäuscht ist. Sie schließen eine Wette ab. Sobald Faust zu einem einzigen Moment sagen kann: „Verweile doch, du bist so schön!“, darf Mephisto seine Seele haben.

Faust hat etwas dazugelernt. Er weiß, dass er als Mensch unter die Menschen gehen muss. Vom Weg des Kopfs zum Weg des Herzens, von den Büchern zu den Menschen. Faust will sehen, ob er in der Liebe zu einer Frau diesen Moment findet, zu dem er sagt: „Du bist so schön!“

In der Hexenküche wird Faust von einer Hexe verjüngt, um ihn auch wirklich liebesfähig für ein junges Mädchen zu machen. Damit beginnt eine neue Inkarnation.

Die Gretchentragödie zeigt uns zwei wesentliche Aspekte: Chance und Gefahr.

Die Chance liegt in Fausts Schritt, die Liebe zu erleben. Die Gefahr liegt in der fortschreitenden Versinnlichung dieser Liebe in Faust.

Gretchen erwartet ein Kind von Faust. Damals war ein Mädchen mit einem unehelichen Kind eine große Schande in der Gesellschaft. Zu allem Unglück ertrinkt das Kind in einem Teich und Gretchen wird als Kindesmörderin angeklagt und zum Tode verurteilt. Zusätzlich bewirken Mephistos Machenschaften den Tod von Gretchens Mutter und Gretchens Bruder.

Faust hört eines Tages, dass Gretchen ein Kind geboren hat und jetzt im Kerker sitzt. Natürlich beschuldigt Faust Mephisto und nicht sich selbst. Mithilfe des Teufels betritt er den Kerker, um Gretchen zu retten. Er bittet sie inständig, mit ihm zu fliehen, und gerade als es gelingen will, betritt der Teufel die Zelle und drängt zur Eile. Er lähmt gleichsam die Situation. Hellsichtig weiß Gretchen, dass die Flucht nicht möglich ist, wenn Mephisto der Begleiter ist.

Joseph Fay: Faust und Mephisto im Kerker

Gretchens letzte Worte, die sie sterbend aus der Ferne ruft, sind „Heinrich! Heinrich!“. Das zeigt ihre große Sorge um Faust in der Zukunft.

 

Der Tragödie zweiter Teil

Eine weitere Inkarnation ist mit der Gretchentragödie beendet und ein ganz neuer Lebenszyklus beginnt. Dazwischen muss es eine Reinigung und eine Ruhephase für den Menschen geben, damit Faust mit frischen Kräften unbelastet neu beginnen kann.

In der neuen Inkarnation lebt Faust am Kaiserhof mit Mephisto an seiner Seite. Faust ist jetzt Höfling und lebt das Leben derer, die denken, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind. Sie glauben, dass die Leblosigkeit des „Lebens“ verschwinden wird, wenn sie mit „mehr Leben“ in Kontakt kommen. Faust probiert diesen Weg des „mehr Lebens“. Aber der spricht ihn nicht an. Wieder muss ein neues Leben beginnen.

Faust wird von einem Traum, von einem Ideal verfolgt. In der Hexenküche, vor seinem ersten Treffen mit Gretchen, sah er vor sich eine liebliche Form.

Faust hat Gretchen mit diesem Ideal der Lieblichkeit identifiziert. Gretchen ist vergessen, nicht jedoch die Vision des Ideals.

Dieses Ideal der Schönheit zeigt uns Goethe in der klassischen Figur der schönen Helena. Über dieses Urbild der Schönheit dringt Faust nun zu den göttlichen Regionen der Liebe vor. Um Helena zu erringen, muss Faust dieses Urbild des Schönen aus einem mythischen Urgrund eines geistigen Lebens heraufholen, aus dem Reich der Mütter, in dem nur die Archetypen existieren.

Wenn Faust das Urbild des Schönen heraufholt, so ist das ein Symbol für einen inneren Vorgang.

Er hat das göttlich Schöne in sich durch die Gewinnung der schönen Helena erweckt. Aber nicht einmal durch die Kunst findet Faust Frieden.

Figuren von Helena und Faust auf dem Kunsthistorischen Museum in Wien

Der Weg des Wissens, der Weg der Liebe, der Weg des „mehr Lebens“ und der Weg der Kunst – alle vier hat Faust beschritten und doch hat er keine Erlösung gefunden. Wo ist dann der echte Weg?

Eine weitere Stufe oder Reinkarnation in Fausts Wachstum ist nötig.

Hier wird Faust entdecken, dass er in „der Arbeit für andere“ den Moment finden wird.

Er will das Meer durch Deiche zurückdrängen und bewohnbares, kultiviertes Land für andere Menschen gewinnen. Nicht für Menschen seiner Zeit, sondern für andere Generationen. Eine denkbar uneigennützige Arbeit.

Seine Vision des Glücks, die er für andere geschaffen hat, ist so außergewöhnlich für Faust, dass er schließlich zum höchsten Moment kommt, den er in vielen Leben gesucht hat. Die Freude der anderen fließt zu ihm zurück und er ruft aus in Verzückung: „Zum Augenblick dürft ich nun sagen: Verweile doch, du bist so schön!“

Damit stirbt Faust. Laut Pakt sollte der Teufel nun die Seele von Faust haben. Aber das kann nicht sein, weil Faust sich selbst befreit hat von der Dominanz des Egoismus.

Faust ist das Drama einer Seele in ihrem Wachstum und ihrer Erlösung über mehrere Leben.

Die Erlösung wird nicht durch Wissen, nicht durch die Liebe, nicht durch „mehr Leben“ und nicht durch die Kunst, sondern durch „die Arbeit für andere“ erreicht, die durch das Wissen, die Liebe, das Leben und die Schönheit bereichert wird. Das ewig Weibliche zieht die emporstrebende Seele hinan. Goethe gab eine Botschaft, die von der Welt kaum verstanden wurde, die aber immer mehr und mehr verstanden wird, wenn die Menschen die

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 155, Januar 2019 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Anna Holub