Bushido - der Ehrenkodex der Samurai und der Weg des Kriegers

Samurai

Wenn wir verschiedene Aspekte Japans vorstellen, die uns faszinieren, weil sie sich durch ihre Effektivität (Manage­ment), durch ihre Schönheit (Teezeremo­nie), durch ihre Einfachheit und Klarheit auszeichnen - und vor allem durch ihre Synthese, so gebührt es auch dem Bus­hido, dem Ehrenkodex der japanischen Samurai, dass wir ihm hier die Ehre erweisen.

Bus­hido ist mehr als ein Ehrenkodex, er ist ei­ne umfassende Lebenshaltung, eine der wichtigsten Wurzeln japanischer Traditi­on und japanischen Denkens. Er ist die Achse japanischer Werte und somit viel­leicht eines der Geheimnisse ihres Er­folgs. Er beinhaltet die Erkenntnis, dass nur die gültigen Dinge Traditionen wer­den und dass nur gelebte Traditionen Gül­tigkeit haben. Er stellt ein einfaches und klares Modell der Handlung dar, ein Mo­dell der Handlung für Krieger. Der Bus­hido ist „der Weg des Kriegers", der Weg desjenigen, der sich selbst, d.h. seinen Egoismus besiegen kann und will, um in den Dienst des Höheren zu treten.



Wir wollen uns jene überzeitlichen Werte ins Bewusstsein rufen, die dem Bushido über Jahrhunderte ihre Kraft gaben, da sie uns vielleicht in einer Zeit, in der immer mehr Menschen auf der Suche nach gültigen Werten sind, anregen können. Seit ihrer Gründung studiert Neue Akropolis das Überzeitliche in den Traditionen der Ver­gangenheit, um es für eine Gegenwart le­bendig zu machen, die des Materialis­mus und Atheismus müde geworden ist. Der gelebte Bushido stellt ein Überle­bensmodul solcher Werte dar und zeigt uns damit, dass das Gültige nie seine Kraft verliert und immer in der Lage sein muss, sich an die Gegebenheiten der Ge­schichte anzupassen. Dies ist dem Bu­shido gelungen, und so hat dieser alte Eh­renkodex im modernen japanischen Management und Gesellschaftssystem seine unverkennbaren Spuren hinterlassen.


 

Aufrichtigkeit

Aufrichtigkeit heißt, in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Natur zu handeln. „Aufrichtigkeit ist die Kraft, ohne Zau­dern in Übereinstimmung mit der Ver­nunft einen gewissen Weg einzuschla­gen, zu sterben, wenn es recht ist zu ster­ben, zu schlagen, wenn es recht ist zu schlagen."

„Aufrichtigkeit ist der Knochen, der Fe­stigkeit und Gestalt verleiht. Wie sich der Kopf nicht ohne Knochen auf der Wir­belsäule halten könnte, so könnten we­der Talent noch Gelehrsamkeit ohne Auf­richtigkeit aus einer menschlichen Ge­stalt einen Samurai machen."

Die Lüge ist für den Samurai keine Sün­de, sondern eine Schwäche. Aufrichtig­keit und Ehrlichkeit zu jedem Zeitpunkt des Lebens zu bewahren ist eine wahrhaft ehrenhafte Tugend, die heute mehr denn je vonnöten ist, denn die Lüge zerfrisst die menschlichen Beziehungen und erzeugt ein ständiges Klima des Misstrauens und der Heuchelei. Wahre Aufrichtigkeit bedarf der inneren Stärke und des Mutes, auch für seine Fehler Verantwortung zu übernehmen. Dies ist eine der Säulen der Ehre eines Samurais.

Mut

Konfuzius: „Zu wissen, was gerecht ist, ohne es zu tun, ist ein Zeichen der Mutlosigkeit."

Positiv formuliert: Mut heißt zu tun, was recht ist. Der Mut hat zwei Gesichter, der unehrenhafte Mut ist der blinde Mut, die Tollkühnheit, jenseits jeglicher Vernunft. Der ehrenhafte Mut ist der, der sich in den Dienst der Wahrheit stellt. Dies ist der philosophische Mut, der befruchtet und beflügelt wird von der Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit. Dieser Mut kann nur aus einem entflammten und liebenden Herzen geboren werden, deshalb vielleicht die etymologische Verwandtschaft im französischen Wort Courage, von lat. cors = Herz, agere = handeln, also mit Herz handeln, beherzt handeln.

Diese Tugend des philosophischen Mutes, der sich in einem mutigen und konsequenten Handeln zeigt, ist wiederum eines der inneren Werkzeuge und Waffen des Menschen, die ihn aus den Fesseln der Manipulation befreien. Die Fesseln zu sehen, ohne sie zu sprengen, bedeutet Feigheit.

Wohlwollen

Shakespeare: „Die Güte steht einem Monarchen besser als seine Krone".  
Konfuzius und Mencius: „Güte ist die höchste Pflicht eines Menschenführers." „Man kann keine Völker führen, ohne einen Platz in ihren Herzen zu haben."
Diejenigen, die Macht haben über Leben und Tod, verwandeln sich in grausame Despoten, wenn sie nicht die Tugend der Güte und des Wohlwollens entwickeln. Deshalb wurde in der Erziehung der Herrscher und Krieger, sowohl in den asiatischen als auch in den europäischen oder amerikanischen Zivilisationen, ein besonderes Gewicht auf die musische Ausbildung gelegt. Auch Platon betont in seinem Hauptwerk „Der Staat" die Wichtigkeit der musischen Erziehung für die Schicht der Wächter. Die musischen Disziplinen wurden nicht als Selbstzweck oder zum Vergnügen geübt, sondern um die Seele für die zarten Töne der Liebe und der Güte empfänglich zu machen.


In diesem Sinne sollten wir auch heute die Künste wiederbeleben, denn wenn wir die zarten Saiten unserer Seelen zum Schwingen brächten, würden sie sich mit dem zarten Geheimnis des anderen verbinden. Gerade das Zarteste und Zerbrechlichste ist es, wofür der wahre Krieger kämpft, um es zu schützen. Wenn er dies vergisst, verliert er den Grund seiner Existenz.

Ehre

„Der Weg ist der Weg des Himmels und der Erde;  der Mensch soll ihm folgen; darum sei es Inhalt deines Lebens, den Himmel zu ehren."

Der ursprüngliche Wert der Ehre entsprang dem Bewusstsein, Diener und Repräsentant des Himmels zu sein. Die größte Schmach für einen Samurai bestand darin, seine Ehre zu verlieren, denn dies zeigte seine mangelnde Fähigkeit, dem inneren Gesetz seiner Bestimmung zu folgen. Die Würde eines Samurai bestand darin, immer das höhere Gesetz zu verkörpern. Auch wenn dies später zu einem Kult der Etikette degenerierte, ist der Grundgedanke sehr edel und bei allen großen Zivilisationen zu finden.

Worin besteht heute unsere Ehre? Was ist für uns Ehre? Vielleicht haben wir der Ehre das Etikett „altmodisch" umgehängt, weil es sich ohne sie bequemer lebt, aber wir erfahren auch nicht mehr, was es heißt, jenen geheimnisvollen Glanz der Glorie zu empfinden, der sich in unserer Seele entfaltet, wenn wir einem höheren Ziel als unserem eigenen Vorteil folgen, einem Ideal, das uns adelt, weil es uns über unsere Beschränkungen des Denkens, des Fühlens und des Handelns erhebt. In Ehre zu leben heißt, seinem innersten Schicksal zu folgen, für eine neue und bessere Zukunft zu arbeiten!


Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 69, Juli 1997 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Julian Plieninger