Breite Deine Flügel aus

Der erotische Tanz zwischen Leidenschaft und Transzendenz

Tanz drückt über Formen und Bilder eine innere Wirklichkeit aus. Er macht bisher Unsichtbares sichtbar. Eine alte Weisheit sagt: "Das Auge ist das Tor zur Welt" und der Tanz hilft dabei, eine Verbindungsbrücke zwischen einer tiefen, inneren und einer äußeren, umgebenden Welt zu bauen.

Jede Bewegung macht bisher Verborgenes sichtbar, jeder Schritt eröffnet neue Horizonte, lässt uns neue Räume erobern, die vorher noch verschleiert und unbekannt waren. Jede körperliche Wendung, jede Drehung bewirkt, dass die Seele berührt wird und sich durch die Bewegung ausdrücken kann.

Aus der Welt der Sinne wird der erotische Tanz geboren. Es ist ein Tanz, der nicht nur dem Menschen vorbehalten ist und der hauptsächlich von Instinkten, Wünschen und nicht immer kontrollierbaren Emotionen ernährt wird. Beim Tanzen muss man sich - wie der Mythos der babylonischen Liebesgöttin Ishtar berichtet - von sieben Schleiern befreien. Man entblößt sich und gibt sich widerstandslos dem schöpferischen Impuls der Natur hin.

 

Ursprung des erotischen Tanzes

Die Ursprünge des erotischen Tanzes stehen in enger Beziehung mit dem Religiösen, das die Kommunikation mit dem weiblichen Prinzip des Universums sucht. Früher tanzte man zum Beispiel, um von der Erde Fruchtbarkeit zu erbitten. In Zeiten der Trockenheit bat man im Tanz um Regen, man suchte Ehen zu schützen und Geburten zu segnen. Damals war Religion etwas ganz Natürliches und spielte eine fundamentale Rolle im täglichen Leben.

Der erotische Tanz unserer Tage reduziert sich jedoch auf sinnliche und manchmal auch anzügliche Bewegungen, um eine Person oder das Publikum zu verführen. Die bekanntesten Formen des erotischen Tanzes finden wir in den lateinamerikanischen Tänzen wie beispielsweise Tango, Salsa oder Samba und in den orientalischen Tänzen wie dem Bauchtanz, dem Tanz der Sieben Schleier und dem ägyptischen Bauchtanz.

Diese Formen kann man heute hobbymäßig oder professionell in Tanzschulen jeder europäischen Stadt lernen, wobei meist der spielerische und sportliche Aspekt im Vordergrund steht.

 

Tanz und Leidenschaft

Der erotische Tanz ist heutzutage eine elegante Form, mit Stil und Fröhlichkeit die Sehnsucht nach Nähe, unsere Leidenschaft, unseren Stolz - und warum nicht - in bestimmter Weise unsere verborgensten Instinkte auszudrücken. Der erotische Tanz erlaubt uns, unsere innersten Gefühle auszuleben und ihnen Sinn zu verleihen. Er ermöglicht uns auch, unseren eigenen Körper zu genießen und uns dabei über jegliches Verbot des Vergnügens, des Spiels und anderer instinktiven Empfindungen hinwegzusetzen. Wir lernen, unseren Körper wahrzunehmen und uns über ihn zu spüren. In gewisser Weise hilft uns der Tanz, manchmal überbordende Energien und Emotionen in körperlichen Bewegungen auszudrücken und uns zu entladen.



Die suggerierende Fähigkeit des erotischen Tanzes zeigt sich in Bewegungen, die verborgene und fest verwurzelte Emotionen ausdrücken. Rhythmische, sanfte und wellenartige Bewegungen nehmen unseren Blick gefangen; Drehungen der Hüfte ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich; verführerische Arme suchen sich harmonisch mit Gleichem und Ergänzendem zu finden und zu verbinden.

 

Die Kraft hinter dem Tanz

Der erotische Tanz nähert sich der machtvollen Kraft des höheren Eros an, um mit Platon zu sprechen, und manifestiert sich in den unterschiedlichsten Formen. Wenn wir uns von dieser Kraft mitreißen lassen, führt sie uns in verschiedene Bewusstseinsebenen: Sie kann uns mitleidlos in die sinnliche Welt hinunterziehen, indem sie uns mit dem Feuer der Leidenschaft blendet; und sie kann uns Flügel wachsen lassen, die es uns erlauben, mit Leichtigkeit einer strahlenden Sonne entgegenzufliegen und so die Notwendigkeit, uns körperlich auszudrücken, transzendieren.

Die Seele findet Zeit und Raum, um sich auszudrücken und eine erhabene Ekstase zu erleben. Auf diese Weise wächst in aller Stille eine seltene Blume in dieser irdischen Welt, mit dem schönsten Duft, den der Mensch kennt. Der Name dieser Blume ist "Freiheit".

Als man einen Mystiker fragte, warum er den Tanz als Opfer an Gott betrachte, so antwortete er:

"Ich tanze, um im eigenen Ich zu sterben. Wenn das Ich langsam stirbt, stirbt alles Umgebende mit ihm.
Dort, wo kein Rest des Ichs mehr ist, dort ist die Liebe, dort ist Gott."

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 137, Juli 2014 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Nerea Muñoz