Wozu ist Kunst gut?

Die Kunst und ebenso das Gute waren für Platon etwas völlig Anderes als für uns heute. Das ist verständlich, denn die Kulturgeschichte hat die Begriffe der Kunst und des Guten weiterentwickelt.

Außerdem entfernte sich das abendländische Denken immer mehr von Platons Lehren. Man hört heute immer wieder, dass Platons Lehren über Kunst längst überholt seien. Doch diese Kritiken greifen zu kurz. Platons Betrachtungen über Kunst und das Gute sind erstaunlich aktuell.

Um gleich die Erwartungshaltungen der Leser zu klären: Dieser Artikel behandelt den Kunstbegriff von einer ungewöhnlichen Seite her. Scheinbar hat er nichts mit unserem Begriff der Künste zu tun, denn es geht vielmehr um die „Kunst“ des Zusammenlebens und darum, was dazu notwendig ist.

Ich selbst bin Musiker und Lehrer. Ich war immer interessiert am Beitrag, den die Künste für die positive Entwicklung der Gesellschaft leisten können. Diese Frage ist eng mit Bildung und Erziehung verbunden. Durch das Studium von Platon und anderen klassischen Philosophen, die sich mit Fragen nach einer guten Gesellschaft beschäftigten, stieß ich auf einen ganz anderen Kunstbegriff, der mein eigenes künstlerisches und pädagogisches Wirken sehr inspiriert hat. Vielleicht inspiriert auch Sie der eine oder andere Gedanke dieses Artikels.

Die Kunst des guten Zusammenlebens

Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.) hat eine gewaltige schöpferische Leistung vollbracht: Seine Philosophie erhebt den Anspruch, alle Bereiche des menschlichen Lebens zum Gegenstand des rationalen Denkens zu machen und auf bestimmte Prinzipien oder Archetypen zurückzuführen.
Und hier, bei den Prinzipien, werden wir einhaken, denn Platons Interesse galt einer Prinzipienlehre, die die Grundlage der Politik, also des Zusammenlebens, bilden sollte. Und sein Hauptprinzip handelt vom Guten. Zusammenleben tun wir alle irgendwie – aber wie können wir nachhaltig gut zusammenleben? Das ist natürlich eine Frage mit sozialpolitischer Konsequenz.

Politik ist mehr

Platon war ein politisch denkender Philosoph. Das griechische Wort politiké wird mit bürgerlich übersetzt. Eine polis war eine Bürgergemeinde oder ein Personenverband, die sich selbst im Sinne eines Stadtstaates regierte. Die polis umfasste also einen städtischen Siedlungskern mit dem dazu gehörigen Umland, die ihre Regeln des Zusammenlebens brauchte.
In diesem Zusammenhang schrieb Platon sein berühmtes Werk „Politeia“. Der griechische Begriff politeia bedeutet so viel wie „Verfassung“, nämlich das, was eine bürgerliche Gesellschaft in der polis gut zusammenhält. Daher sollte Platons „Politeia“ nicht mit „Der Staat“ oder „Die Republik“ übersetzt werden, auch wenn es hier um die Utopie eines idealen Stadtstaates geht, in dem die Gerechtigkeit das höchste Gut ist.
Politik in diesem Sinne bezieht sich also nicht auf unser heutiges Verständnis (oder Unverständnis) von Parteipolitik.
Politik ist bei Platon die Kunst und Wissenschaft des Zusammenlebens und diese Definition ist bis heute wohl unübertroffen.

Kunst ist mehr

Politik als Kunst des Zusammenlebens – das mag poetisch klingen, doch hinter dem Begriff „Kunst“ steckt mehr als wir glauben.
Das altgriechische Wort, das wir mit „Kunst“ übersetzen, lautet techne, worauf sich auch unser Begriff Technik gründet.
Platon führt aus, dass im Begriff techne zwei Aspekte gleichermaßen wichtig sind. Einerseits geht es um handwerklich orientiertes Können, und diese Ausrichtung auf die Anwendung und das Praktische hat techne mit der Kunst gemeinsam. Andererseits geht es um ein objektives Wissen, das für uns mehr mit dem Begriff des Fachwissens verbunden ist. Unleugbar brauchen Berufe, die mit Musik, Tanz, Malerei oder Bildhauerei zu tun haben, objektives Fachwissen, aber dies gilt genauso für die Kochkunst, Kampfkunst, Reitkunst oder Heilkunst.
Platon definiert „Kunst“, also techne, als ein „Sich-Verstehen-auf“ mit einer theoretischen und einer praktischen Seite. Weil techne auf sicherem Wissen und allgemeinen Regeln aufbaut, kommt es zur Bedeutung von Theorie (griech. theoría = Anschauung, Einsicht). Und weil techne ihren Ausdruck im Tun, im Erlebbaren hat, kommt es zur Bedeutung von Praxis (griech. praxis = Handlung, Tat).
„Kunst“ umfasst somit – nach Platon – sowohl theoretisches als auch praktisches Wissen. Und darin liegt der Unterschied zum reinen Wissen oder Wissenschaft im engeren Sinn, wofür die Griechen den Begriff epistéme verwendeten.
Platons berühmtester Schüler Aristoteles war der Erste, der theoretisches Wissen (epistéme, also „Wissenschaft“) vom praktischen Können (techne, also „Kunst“) trennte. In der abendländischen Kulturgeschichte wird dies als eine der großen Leistungen des Aristoteles angesehen.
Ich bezweifle, dass wir durch diese Trennung das bessere Schicksalslos gezogen haben. Wie hätte sich unsere heutige sogenannte „westliche“ Kultur entwickelt, würde unser Welt- und Menschenbild auf der Einheit von Denken und Handeln, von Theorie und Praxis aufbauen? Welche Art von Ethik hätten wir dann heute?

Güte ist mehr

Zurück zu Platon. Er träumte von einer politischen „Kunst“ oder politischen techne, in der alle Elemente dem Guten dienen sollen.
Das Thema des Guten durchzieht Platons Werk wie ein roter Faden, obwohl er kein Werk ausschließlich diesem Thema gewidmet hat. Platon verwendet hier den Begriff areté, das Substantiv zu agathós, „gut“. Doch areté ist nicht einfach nur „das Gute“ oder „Güte“ im moralischen Sinn (missverständlich wird areté oft mit „Tugend“ übersetzt), sondern „Güte“ im Sinn der spezifischen Leistungsfähigkeit – denken wir beispielsweise an die Güteklasse von Eiern (die sich u.a. in ihrer Frische äußert) oder an die Güte eines Messers (die wir u.a. an seiner Schärfe messen können).
Ein Beispiel, das Platon selbst benutzt: Erst wenn ein Messer scharf ist, kann es seiner Bestimmung gemäß eingesetzt werden, nämlich zu schneiden. Die areté des Messers liegt darin, bestens schneiden zu können. Ein stumpfes Messer hat keine areté. Somit bedeutet areté auch „höchste Wirksamkeit“, „bester Zustand“. Der Wert, die areté eines Messers, liegt also in seiner herausragenden Qualität, in seiner Vortrefflichkeit, in seiner Exzellenz.
Bei Platon geht es immer darum, die areté – als Idee des Bestmöglichen – in die Tat umzusetzen, und zwar in die bestmöglichste Tat.

Persönliche und gesellschaftliche Lebensqualität

Platon fragt nun, was die areté des Menschen ist. Um diese Frage kommen wir nicht herum, wenn wir herausfinden wollen, was die beste Form des Zusammenlebens ist, in der sich alle Menschen ideal einbringen und verwirklichen können.
Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen. Diese persönlichen Unterschiede sind für Platon zweitrangig – er fragt, was die aretai, die potenziellen höchsten Qualitäten des Menschen an sich sind, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und sozialem Stand. Platon fragt nach jenen Werten, die den Menschen zum MENSCHEN im Sinne einer reifen Persönlichkeit machen. Er fragt nach den Werten eines Bürgers, der sowohl für sich selbst als auch für sein Handeln in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen kann und der sich auch der historischen Tragweite menschlicher Entscheidungen bewusst ist.


In seinen Werken „Politeia“ und „Nomoi“ entwickelt Platon seine Idee von vier grundlegenden Werten, die allen Menschen latent innewohnen und die durch eine gute Erziehung geweckt werden sollen. Diese Werte oder aretai werden die vier platonischen Kardinaltugenden genannt. Es handelt sich um Besonnenheit im Sinne von Mäßigkeit, Tapferkeit im Sinne von Zivilcourage, Gerechtigkeit im Sinne einer Grundnorm des menschlichen Zusammenlebens und Klugheit im Sinne von Weisheit. Natürlich gibt es mehr Tugenden und Werte, doch diese vier Kardinaltugenden (lat. cardo = Türangel, Angel- oder Drehpunkt) bilden die Basis des platonischen (und später auch des christlichen!) Bildungsideals, um die sich alle weiteren Tugenden ranken.
In einer Gesellschaft, in der jeder Bürger diese Grundwerte wirklich lebt, wird sich die Lebensqualität sowohl des Einzelnen als auch der ganzen Gemeinschaft enorm steigern.

… dass Platon so modern ist …

Persönliche und gesellschaftliche Lebensqualität sind bei Platon also zuallererst eine Frage der moralischen Integrität und nicht eine Frage der Wirtschaft. Die entscheidenden „Güter“ (also aretai) des Menschen sind geistiger und nicht materieller Natur.
Platon weist nach, dass Menschen, die sich um geistige Güter kümmern, als Folge auch alle notwendigen materiellen Güter entwickeln und glücklich sein werden, denn ihr moralische Integrität macht sie zu Menschen mit Bescheidenheit, Empathie, innerer Stärke sowie zu zuverlässigen Geschäftspartnern und Mitbürgern. Der Zusammenschluss guter Menschen bildet einen friedvollen und „glücklichen“ Staat.
Menschen, die sich hingegen nur um materielle Güter kümmern, werden keine inneren Werte wie Solidarität, Toleranz, Großzügigkeit entwickeln, und dadurch werden sie wohl niemals echte Freunde haben und trotz allen Reichtums eher einsam und unglücklich sein. Solche Menschen sind der Ruin jeder Gesellschaft.
Es gibt gegenwärtig drei Begriffe, die diese Gedanken weiterentwickeln. Der erste lautet sustainability oder Nachhaltigkeit (seit den 80er-Jahren ein nicht mehr wegzudenkendes Schlagwort der Politik), der zweite win-win-strategy, auf gut Deutsch „Gewinn-Gewinn-Strategie“ (ein aus den 90er-Jahren stammender Begriff und gängiger Bestandteil vieler Wirtschaftsseminare), und der dritte handelt von der system theory oder Systemtheorie (systemisches Denken verankert sich heute immer mehr in der Ökologie, Soziologie und Psychologie).
Falls Sie diese drei Begriffe nicht auf Anhieb konkret definieren können, empfehle ich Ihnen, sie ein wenig zu recherchieren – und Sie werden überrascht sein, dass Platon so modern ist …

Die Rolle der Kunst in der „Kunst“ des Zusammenlebens

Weltweit sind die Konzepte der Nachhaltigkeit und des systemischen Denkens dabei, zu einem neuen Paradigma zu werden. Wenn dieser Paradigmenwechsel für die Politik und Wirtschaft, für Ökologie, Soziologie und Psychologie sowie für viele andere Wissenschaften so unerlässlich ist, so plädiere ich dafür, hier auch die Künste einzubeziehen!
Einige Leser werden das schöne Zitat des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker kennen: „Musik ist nicht die Sahne auf dem Törtchen, sondern die Hefe im Teig der Gesellschaft.“ Ich möchte dieses Zitat erweitern und statt „Musik“ das Wort „Kunst“ verwenden.
Die Politiker aller Zeiten und Kulturen bedienten sich der Kunst, um ihre Zwecke zu verfolgen – sei es zum Guten oder zum Schlechten. Und auch nicht alle Künstler sind unbedingt, moralisch gesehen, die integersten Menschen. Trotzdem hat die Kunst einen Kultur- und Bildungsauftrag.

Kunst spielt in jeder Gesellschaft eine tragende Rolle. Sie stiftet Sinn und Identität, sie vermittelt individuelle und kollektive Werte, sie gibt Kraft und Hoffnung in schwierigen Zeiten. Kunst ist Spiegel und Auslöser für gesellschaftliche Prozesse. Damit hat Kunst auch immer eine politische Dimension – in dem Sinne, wie wir oben definiert haben.
Unsere zeitgenössische Kunst braucht meiner Ansicht nach mehr „Güte“ im Sinne der platonischen areté.
Und daher brauchen wir in der zeitgenössischen Kunst mehr „Kunst“ im Sinne der platonischen techne, also mehr „Können“ beziehungsweise „Vermögen“, um jene Ideen, die den Menschen zum MENSCHEN machen, auch in der künstlerischen Praxis umzusetzen. Auch zeitgenössische Kunst darf mal wieder schön und erhebend sein, und sie darf den Bürgern durchaus wieder mal Appetit auf ein moralisches Leben machen.
Denn Kunst soll zivilisieren.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 131, Januar 2013 des Magazins Abenteuer Philosophie veröffentlicht, Autor: Walter Gutdeutsch